Interview mit Pascale Jacot-Descombes Teil 2

Blog-Interview Teil 2:

Shiatsu ist eine wirksame Methode, um die Körperwahrnehmung zu verfeinern. In der Behandlung von Klienten mit einer Stress- und Burn-out-Symptomatik ist das besonders wichtig, weiss die Shiatsu-Therapeutin Pascale Jacot-Descombes (siehe Teil 1 dieses Interviews). Sie hat sich im Laufe der Jahre unter anderem auf das Thema Stress und Burn-out spezialisiert und schildert, wie Betroffene in der KomplementärTherapie mit Shiatsu behandelt werden können und welche Herausforderungen sich für die Therapeutin stellen.

Bei Stress und Burn-out ist es wichtig, dass Betroffene ihre Selbstwahrnehmung verbessern, um Warnsignale des Körpers frühzeitig zu erkennen. Wie arbeitest du in der Shiatsu-Behandlung konkret daran?
Eine wirksame Übung, die ich von Joachim Schrievers gelernt habe, ist, den Klienten am Anfang der Behandlung verbal in den Körper hineinzuführen, also beispielsweise zu fragen: «Wo fühlt sich ihr Körper schwer an?» Das sind dann oft die verspannten Stellen, die nach Aufmerksamkeit verlangen. Die leichten Körperstellen sind oft jene, die wir schlecht wahrnehmen und mit denen wir nicht stark verbunden sind. Eine hilfreiche Übung ist auch, die Klientin das Bein spüren zu lassen, das ich behandelt habe und mit dem anderen Bein zu vergleichen. Dafür Worte zu finden, hilft den Betroffenen, ihre Körperwahrnehmung zu verfeinern. Manchmal mache ich eine kleine Körperreise und leite den Klienten an, seine Längsachse zu spüren oder die Unterschiede in der rechten und der linken Körperhälfte. Ich kündige auch an, dass der Betroffene am Ende der Behandlung nochmals in sich hineinspüren und vergleichen kann. Manchmal frage ich auch bei einer verspannten Körperstelle: Wie nehmen Sie diese wahr? So können die Klientinnen erkennen, was sich während der Behandlung in ihrem Körper verändert hat. Indem wir Menschen so mit Shiatsu begleiten, lehren wir sie, ihren Körper besser wahrzunehmen. Das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben im Shiatsu.

«Im Shiatsu lehren wir die Klientinnen, ihren Körper besser wahrzunehmen.»

 Manchmal haben Stress und Burn-out ja tiefer liegende Ursachen, die mit persönlichen Verhaltensmustern zu tun haben. Wie gehst du damit um?
Ja, das ist effektiv so: Gerade in stressigen Situationen werden oft alte Verhaltensmuster aktiviert. Deshalb ist es wichtig, zurück zu den Ursachen zu gehen und an diesen Mustern zu arbeiten. Was ja in der fernöstlichen Medizin und auch in der KomplementärTherapie von Bedeutung ist. Auf einer praktischen Ebene kann ich mit dem Klienten herausfinden, wo er im Alltag weniger arbeiten kann, was er abgeben und wo er mal ein Auge zudrücken kann. Gerade in dieser Auseinandersetzung kommen dann oft alte Glaubenssätze zum Vorschein: zum Beispiel das Gefühl, dass es nie genug ist, dass man immer mehr leisten muss. Das kann einem zu Perfektionismus treiben. Mit diesen Glaubenssätzen heisst es zu arbeiten: Was treibt mich an, dass ich immer mehr arbeiten muss? Warum meine ich, nicht zu genügen? Warum kann ich nicht nein sagen? Weshalb kann ich nicht eingestehen, dass es mir zu viel wird? Was hindert mich daran Hilfe zu holen? Das sind die klassischen Muster bei Stress und beginnendem Burnout. Je nach Typ kann ein weiterer Glaubenssatz sein: Ich will Erfolg haben, ich will etwas erreichen! Das ist an sich nichts Schlechtes. Dahinter verstecken sich aber manchmal Elternbotschaften wie: Du bist nicht gut genug, wenn du nicht eine super Leistung erbringst. Bei Stress und Burn-out geht es schliesslich auch um das Selbstwertgefühl: Die wenigsten von uns haben gelernt, dass sie um ihrer selbst willen geliebt werden, einfach so, wie sie sind, ohne dass sie eine Gegenleistung erbringen müssen, zum Beispiel hübsch aussehen oder erfolgreich sein. Solche Verhaltensmuster weisen darauf hin, dass zusätzlich zu Shiatsu eine Psychotherapie angezeigt sein könnte.

«Bei Stress und Burn-out geht es auch um das Selbstwertgefühl: Die wenigsten von uns haben gelernt, dass sie um ihrer selbst willen geliebt werden, einfach so, wie sie sind, ohne dass sie eine Gegenleistung erbringen müssen.»

Was sind besondere Herausforderungen für die Therapeutin in der Behandlung von Menschen mit  Stress- und Burn-out?
Bei der Stress-und Burn-out-Thematik ist es unumgänglich, dass der Klient selbst zu seiner Genesung beiträgt, indem er seine Lebensgewohnheiten oder sein Verhalten ändert. Wenn er dazu nicht bereit oder nicht in der Lage ist, muss ich mich als KomplementärTherapeutin fragen, ob es meine Aufgabe ist, ihn weiterhin durch Shiatsu-Behandlungen energetisch neu aufzubauen, nur damit er so weitermachen kann wie bisher.

«Bei der Stress-und Burn-out-Thematik ist es unumgänglich, dass der Klient selbst zu seiner Genesung beiträgt, indem er seine Lebensgewohnheiten oder sein Verhalten ändert.»

Setzen wir die Klientinnen damit nicht auch unter Druck, im Shiatsu ein Ziel erreichen zu müssen? Ist Shiatsu nicht der Ort, wo man ausnahmsweise mal nichts leisten muss?
Shiatsu kann tatsächlich eine ruhige Insel im Alltag sein, wo der Klient auftanken darf. Vielleicht ist jemand am Anfang noch nicht bereit oder in der Lage, die nötigen Veränderungen anzupacken. Das ist in Ordnung. Wichtig ist aber, dies auszusprechen und auf den Tisch zu bringen. Als Therapeutin brauche ich hier eine klare Haltung. Shiatsu ist so nährend, dass es als Ort der Regeneration wunderbar geeignet ist. Es vermittelt ein Gefühl von Ganzheit. Es kann unter Umständen die nötige Voraussetzung schaffen, um überhaupt erst eine Standortbestimmung zu machen und Veränderungen anzugehen.

In welchen Situationen ist die Zusammenarbeit mit anderen Fachpersonen – Psychologen, Ärztinnen, Psychiatern – angezeigt?
Der Einbezug anderer Fachpersonen ist ganz wichtig. In meiner Praxis arbeite ich mit einer Naturheilpraktikerin zusammen. Das kann hilfreich sein, wenn es bei einem Stress- oder Burnout-Klienten beispielsweise um eine Anpassung der Ernährung geht oder um Unterstützung durch Mikronährstoffe, Blütenessenzen, Spagirik, Urtinkturen oder Pflanzenpräparate. Der Hausarzt ist meistens die erste Ansprechperson und wichtig für die Abklärung der medizinischen Aspekte. Eine Psychiaterin ist hilfreich, wenn eine Psychotherapie oder sogar Medikamente (Psychopharmaka) angebracht sind. Ich ziehe mein Netz von Fachpartnerinnen bei, sobald ich merke, dass ich alleine nicht weiterkomme. In manchen Burn-out-Kliniken wird Shiatsu mit Erfolg angeboten. Dies motiviert Klientinnen, bereits vor ihrem Austritt einen Termin zu vereinbaren, um den Übergang ins Alltagsleben zu unterstützen. Das ist bereits ein erster Schritt in die Selbstfürsorge und markiert eine Schnittstelle zwischen westlicher Medizin und KomplementärTherapie.

Für Shiatsu sind unter anderem die Konzepte von Yin und Yang sowie die Lehre der Wandlungsphasen wichtig. Wie zeigt sich die Stress- und Burn-out-Thematik aus der Sicht der fünf Wandlungsphasen?
Wie der Name schon sagt, ist man ausgebrannt. Die Betroffenen haben vorher also für eine Sache gebrannt: ihren Job, ein persönliches Ziel oder auch ihr eiserner Wille, etwas zu erreichen. Damit dieses Feuer brennen kann, braucht es Energie, die in den Wandlungsphasen der Traditionellen Chinesischen Medizin dem Element Wasser zugeordnet ist und ihren Sitz in den Nieren hat. Diese liefern so lange Energie, bis sie erschöpft sind. Das geht oft sehr lange, so wie das Erreichen eines richtigen Burn-outs auch sehr lange dauern kann. Die Nierenenergie «Jing» gilt als Ursprungskraft, die wir mit der Geburt erhalten und die wir im Laufe unseres Lebens verbrauchen. Wir können sie nicht auffüllen, aber wir können sie pflegen, indem wir unsere Ressourcen nähren. Das geschieht oft in der Natur, durch Bewegung, Sport, Musik hören, Hobbys aller Art. Vor allem auch gesunde Ernährung und tiefe Atmung tragen dazu bei, das Jing bis ins Alter zu erhalten. Unsere Gesellschaft, die Aktivität und Leistung sehr hoch bewertet, ist aber sehr Yang-orientiert. Deshalb ist es wichtig das Yin aktiv zu fördern, zu pflegen und immer wieder Inseln der Regeneration zu suchen.

Geht es beim Burn-out also um ein Feuer-Wasser-Ungleichgewicht?
Ja, aber im Grunde sind alle Elemente betroffen: Wenn das Wasser-Element erschöpft ist, kann es das Holz-Element nicht mehr nähren. Einem geschwächten Holz fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen oder Visionen für die Lebensplanung und die eigene Bestimmung zu entwickeln. Brennt das Feuer unkontrolliert, verausgabt es sich. Die ruhige Freude des Herz-Kaisers ist verschwunden. Unter Stress und Burn-out wird die Ernährung oft unausgewogen, womit wir beim Element Erde sind. Die Menschen essen zu viel oder zu wenig oder ungesund. Manche versuchen, sich mit Kaffee, Zigaretten, Alkohol oder Drogen zu «nähren». Die Erde steht auch für das Zyklische, sie braucht Kontinuität und wird erschöpft, wenn man Raubbau an den Kräften betreibt und bis spät in die Nacht arbeitet. Im Metall-Element geht es um den Rückzug von den anderen und um die Atmung. Menschen mit Burn-out atmen meist sehr flach. Sie holen sich zu wenig Energie – Qi – aus dem Universum. So erhalten die Organe und Zellen zu wenig Energie, um gut funktionieren zu können. Auch die Ausscheidung ist reduziert und der Körper kann sich nur mangelhaft von Schadstoffen und Säuren reinigen. Es ist ein Teufelskreis, welchen wir mit der Unterstützung von Shiatsu durchbrechen können.

Interview: Janine Messerli

Biografische Angaben:
Pascale Jacot-Descombes (55) ist KomplementärTherapeutin mit eidgenössischem Diplom in der Methode Shiatsu, Gründerin einer Schweizer Shiatsu-Schule und Dozentin für Shiatsu.

Weiterführende Links:
Zum ersten Teil des Interviews
Shiatsu hilft bei Stress
Wie wirkt Shiatsu bei Stress?
Praxisbeispiel: Shiatsu bei Stress
Job-Stress-Index
Was ist Stress?