Interview mit Barbara Häberli

Interview mit Barbara Häberli, KomplementärTherapeutin mit Branchenzertifikat, Methode Shiatsu

Barbara Häberli (58) praktiziert Shiatsu seit zwanzig Jahren. Dass sie für das Branchenzertifikat ihr Können trotzdem nochmals unter Beweis stellen musste, löste bei ihr zuerst Widerstand aus. Besonders das Schreiben des verlangten Essays fiel der ehemaligen Pflegefachfrau schwer. Doch diese Herausforderung hat ihr Selbstvertrauen gestärkt.

Auf deiner Website ist zu sehen, dass du eine ganze Palette verschiedener Shiatsu-Techniken und auch Qigong und Körperübungen anbietest. Lernst du gerne Neues?
Ja, das ist sicher ein Aspekt. Aber ich bin auch schon seit zwanzig Jahren Shiatsu-Therapeutin und besuche jedes Jahr Weiterbildungen. Shiatsu ist mein Grundhandwerk, dann lernte ich neue Techniken dazu, um Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen gut begleiten zu können. Als aber der Wechsel zum neuen Abschluss mit dem eidgenössischen Diplom kam, und es hiess, dass auch wir erfahrene Therapeuten unser Können nochmals unter Beweis stellen müssen, dachte ich zuerst: Das mache ich nicht! Ich bin seit zwanzig Jahren Shiatsu-Therapeutin und jetzt soll ich nochmals beweisen, dass ich das kann?! Ich habe mich auch ein bisschen geärgert, dass man das Branchenzertifikat den Therapeutinnen, die seit 15 Jahren praktizieren und eine grosse Anzahl Klienten pro Jahr haben, nicht automatisch verliehen hat. Wenn ich etwas lernen muss, finde ich das nicht so toll. Wenn ich hingegen lernen darf und merke, das bringt mir etwas für meine Arbeit, ist das etwas anderes…

Gezwungen ist man ja nicht, das Branchenzertifikat und die Höhere Fachprüfung zu machen. Manche ältere Shiatsu-Therapeutinnen erwägen, darauf zu verzichten…
Ich habe gehört, dass manche Krankenkassen bereits darüber nachdenken, künftig nur noch Leistungen von Therapeuten mit Branchenzertifikat zu vergüten. Ich denke, wenn man längerfristig Vollzeit als Shiatsu-Therapeutin arbeiten und von diesem Beruf leben will, ist es unrealistisch, ohne Krankenkassenanerkennung zu praktizieren. Ich habe vor zehn Jahren meinen Beruf als Pflegefachfrau aufgegeben und arbeite seither Vollzeit als Shiatsu-Therapeutin. Davon zu leben ist eine Herausforderung. Man muss wirklich am Ball bleiben und braucht viele Klienten. Ich habe nicht viele Selbstzahler. Wenn Menschen Beschwerden haben und deswegen fünf bis zehn Mal ins Shiatsu kommen, überlegen sich die meisten gut, ob sie das selbst zahlen. Falls eine Therapeutin Shiatsu im Nebenberuf ausübt oder einfach aus Freude einen Tag in der Woche Shiatsu anbietet, ist das natürlich weniger relevant. Da kann es sinnvoll sein, auf gewisse Anerkennungen zu verzichten, da die Kosten in keinem Verhältnis zu den Einnahmen stehen. Aber für eine Therapeutin mit mehr als ein paar Behandlungen pro Monat ist es sicher sinnvoll, das Branchenzertifikat und die Höhere Fachprüfung zu absolvieren.

Wie ist es dir bei der Vorbereitung für das Branchenzertifikat ergangen?
Alle Unterlagen zusammenzustellen und einzureichen ist zwar mit etwas Arbeit verbunden, aber nicht schwierig. Für mich war das Essay die Herausforderung. Ich wusste nicht, wie ich das schreiben sollte, ohne immer in die traditionelle Shiatsu-Sprache zu verfallen. In meiner Ausbildung am ESI haben wir beispielsweise von Kyo und Jitsu gesprochen. Mit der Sprache der KomplementärTherapie vertraut zu werden, war eine Herausforderung für mich.

Wie bist du diese Herausforderung angegangen?
Ich fing auf eigene Faust mit dem Essay an, wurde dann aber unsicher. Ich habe noch nie gerne schriftliche Arbeiten gemacht. Dinge aufs Papier zu bringen fiel mir schon immer schwer. Meine Diplomarbeit als Krankenschwester war ein „Knorz“. Ich brauche jemanden, der mich bestätigt und sagt: Du bist auf dem richtigen Pfad. Deshalb habe ich mich bei verschiedenen Shiatsu-Schulen über Angebote informiert und dann einen vorbereitenden Kurs besucht. Das hat mir enorm geholfen und gab mir den richtigen Kick: Ich lernte, wie ich den Text anpacken muss. Plötzlich habe ich beim Schreiben Flügel bekommen und merkte: Jetzt läuft’s! Ich habe nicht mehr aufgehört mit Schreiben, bis ich fertig war. Ich freute mich, dass ich plötzlich gut formulieren konnte. Ich hatte das Essay zuvor sicher zehnmal begonnen und wieder verworfen. In nur zwei Wochen war es schliesslich fertig. Dass ich das Branchenzertifikat gleich im ersten Anlauf erhalten habe, war ein Erfolgserlebnis für mich. Danach fühlte ich mich gestärkt. Ich wusste, ich bin jetzt wieder auf dem neusten Stand.

Was war denn in diesem Kurs so hilfreich?
Ich lernte, wie man die Schlüsselbegriffe, also die Kompetenzen des komplementärtherapeutischen Handelns – wie beispielsweise begegnen, bearbeiten, integrieren, transferieren – auf ein Shiatsu-Thema anwendet. Ich arbeite unter anderem in einem Heim mit behinderten Menschen. Von dort nahm ich Fragestellungen aus dem Praxisalltag, anhand derer ich dann mein komplementärtherapeutisches Handeln darlegen konnte.

Hast du das Gelernte in deine tägliche Shiatsu-Arbeit integrieren können?
Ja, ich arbeite daran. Doch die konkrete Anwendung ist manchmal schwierig, zum Beispiel, stets gemeinsam mit dem Klienten ein Therapieziel formulieren zu können. Gewisse Klienten sind gar noch nicht bereit dafür. Sie kommen mit einem Problem und wären das am liebsten los. Und dann komme ich mit meinem „Prozess“! (lacht) Es sind nicht alle Menschen bereit, sich als Mitgestaltende auf einen Therapieprozess einzulassen, das gehört dazu. Auch das Benennen des Prozessschrittes fällt mir manchmal noch schwer, denn gewisse Dinge tue ich in der Shiatsu-Therapie intuitiv, und erst durch die anschliessende Reflexion wird mir bewusst, dass hier zum Beispiel eine Integration passiert ist.

Welche Rolle spielte neben dem Schreiben des Essays die Auseinandersetzung mit deiner Rolle als Therapeutin? Gab es da Neues oder Anregendes für dich?
Ja, auf jeden Fall! Mich zu hinterfragen, wie ich meine Arbeit eigentlich mache, ist sehr wichtig. Als erfahrene Therapeutin war das aber weniger herausfordernd für mich. Wer sich mit Menschen in eine Prozessarbeit begibt, muss sich fachlich und persönlich stets weiterentwickeln: Wo habe ich Schwierigkeiten? Wo will ich mich verbessern? Das gehört zum professionellen Handeln als Therapeutin.

Planst du, auch die Höhere Fachprüfung abzulegen?
Ja. Das ist ein Kopfentscheid. Ich juble nicht gerade über diese nächste Herausforderung. Aber das Gleichwertigkeitsverfahren dient ja nur dazu, das gleiche Ausbildungsniveau zu erreichen, wie die Shiatsu-Therapeuten, die die Ausbildung mit dem Branchenzertifikat abschliessen werden. Für meine letzten Arbeitsjahre vor der Pensionierung möchte ich mich auf der sicheren Seite wissen. Nicht dass ich mit 62 von einem Tag auf den anderen nicht mehr von meinem Beruf leben kann, nur weil mir die Höhere Fachprüfung fehlt. Das ist natürlich rein hypothetisch – ich denke nicht, dass es so kommen wird. Aber ich brauche diese Sicherheit. Dann muss ich nicht mehr darüber nachdenken und kann meinen Beruf als KomplementärTherapeutin ausüben.

Was würdest du Shiatsu-Therapeutinnen, die das Branchenzertifikat noch vor sich haben und nicht so geübt sind im Schreiben, für einen Tipp geben? Was tun, damit einem Flügel wachsen?
Ich empfehle wärmstens, einen vorbereitenden Kurs an einer Schweizer Shiatsu-Schule zu besuchen. Es geht dabei nicht nur um den Kursinhalt, sondern auch um den Austausch mit den anderen, den ich als sehr wertvoll und unterstützend empfinde. Ich finde es wichtig, sich mit jemandem auszutauschen, der auf dem gleichen Weg ist. So kann man Wissen teilen und sich gegenseitig unterstützen. Meine Kollegin und ich, wir haben uns gegenseitig Mut zugesprochen. Es ist eine interessante, bewältigbare und lehrreiche Herausforderung – auch für erfahrene Therapeutinnen.

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

Interview: Janine Messerli

Biografische Angaben:
Name: Barbara Häberli
Alter: 58 Jahre
Erstberuf: dipl. Pflegefachfrau HF
Shiatsu-Therapeutin seit: 20 Jahren, seit 10 Jahren Vollzeit
KomplementärTherapeutin mit Branchenzertifikat seit: 2017

Weiterführende Links:
_ Weiterführende Blogberichte zum Beruf «KomplementärTherapeutin»
_ Schweizer Shiatsu-Schulen
_ Kursagenda Kurse an Schweizer Shiatsu-Schulen (nur für Aktivmitglieder zugänglich)
_ Gleichwertigkeitsverfahren Branchenzertifikat
_ Berufsbild KomplementärTherapeutIn, OdA KT