Praxisbeispiel I: Interdisziplinäre Zusammenarbeit bei Burnout

Starke Belastungen und anhaltender Stress in Beruf und Familie können zu Erschöpfung und Burnout-Symptomen führen. Emotional und geistig erschöpfte Menschen, die «ausgebrannt» sind, leiden nicht nur psychisch, sondern haben auch körperliche Symptome. Immer mehr Psychologinnen und Kliniken arbeiten deshalb bei der Behandlung von Burnout interdisziplinär mit Shiatsu-Therapeutinnen und -Therapeuten zusammen. Das nachfolgende Praxisbeispiel zeigt, wie Shiatsu eine Psychotherapie ergänzen und wie diese komplementärtherapeutische Methode Burnout-Betroffene im Genesungsprozess unterstützen kann.

Eine 55-jährige Primarlehrerin leidet unter Schwindel und häufigen Kopfschmerzen. Sie fühlt sich erschöpft, vertraut ihrem Körper nicht mehr und hat Angst, aus dem Haus zu gehen, weil sie befürchtet, in der Öffentlichkeit zusammenzubrechen. Aus diesem Grund meidet sie zunehmend soziale Kontakte und bleibt häufig alleine zu Hause, insbesondere an den Wochenenden. Dadurch fühlt sie sich sehr oft einsam. Auch hat sie die Tendenz, mit sich selbst sehr streng und diszipliniert zu sein. Wegen ihrer körperlichen Symptome sucht sie ihren Hausarzt auf. Dieser findet jedoch keine medizinischen Ursachen für ihren Zustand und verweist sie an eine Psychiaterin, die ein Burnout mit Angststörung diagnostiziert.

Aufgrund der starken körperlichen Symptome und weil die Patientin ihrem eigenen Körper nicht mehr vertraut, empfiehlt die Psychiaterin zusätzlich zu ihrer Behandlung Shiatsu. Damit soll die Körperwahrnehmung und das Vertrauen in den Körper wieder gestärkt werden. Zudem soll Shiatsu der Klientin ermöglichen, sich zu entspannen.

Durchatmen können
Bei der ersten Begegnung ist der Klientin die Anspannung deutlich anzusehen. Ihr Gesichtsausdruck ist streng und verbissen, der ganze Körper wirkt steif, die Schultern sind hochgezogen, und die Atmung ist unregelmässig und flach. Mit sanften Berührungen und Bewegungen beginnt die KomplementärTherapeutin der Methode Shiatsu die stark wahrnehmbaren körperlichen Blockaden zu behandeln, damit die Klientin sich entspannen kann. Mittels gezielter Fragen führt die Therapeutin sie in die Wahrnehmung ihres Körpers. Nach den ersten Behandlungen stellt die Klientin fest, dass es inzwischen bessere und schlechtere Tage gibt. Die Therapeutin regt sie an, jeden Tag darauf zu achten, wie sich ihr Körper anfühlt. In der Folge beobachtet die Klientin, dass sie an schlechteren Tagen eine grosse Anspannung in ihrem Oberkörper spürt, dass sie oft die Schultern hochzieht und flach atmet. Aufgrund dieser Beobachtungen übt die Therapeutin mit ihr in den folgenden Sitzungen Entspannungs- und Atemtechniken, die sie auch zu Hause anwenden kann. Sie lernt, entspannt in den Bauch- und Brustraum zu atmen und merkt, wie ihr Schwindelgefühl in der Folge abnimmt.

Empathische Gespräche
Ein integraler Bestandteil jeder Shiatsu-Therapie ist das begleitende Gespräch. Bei dieser Klientin erkennt die Therapeutin, dass es unterstützend wirkt, wenn sie ihr humorvoll und mit einer gewissen Leichtigkeit begegnet. Dadurch kann sie sich entspannen und die Anleitungen der Therapeutin während der Behandlung besser annehmen. Die Klientin erhält weitere Hilfestellungen für eine verbesserte Körperwahrnehmung, welche sie in ihren Alltag integrieren kann. Der regelmässige Austausch über ihre Erfahrungen gibt ihr Sicherheit und Rückhalt, so dass sie ihrem Körper zusehends wieder mehr Vertrauen schenken kann. Bei diesen Gesprächen kommen auch ihre Angst und deren Auslöser zur Sprache. Es zeigt sich dabei deutlich, dass der Mangel an Vertrauen in ihren eigenen Körper entscheidend zu ihrem Rückzug aus dem sozialen Leben beigetragen hat. Dieses Thema wird anschliessend mit der Psychiaterin vertieft.

Sich nähren, Ressourcen benennen
Über die verbesserte Körperwahrnehmung gelingt es der Klientin in den folgenden Sitzungen, die eigene Mitte immer besser wahrzunehmen. Gezielte Meridianbehandlungen und Berührungen unterstützen sie, ihre Bedürfnisse zu erkennen und auszusprechen. Vernachlässigte Hobbies, wie beispielsweise die Gartenarbeit und ausgiebige Waldspaziergänge, werden wieder zum Thema. Die Primarlehrerin erkennt, wodurch ihre Seele in der Vergangenheit genährt wurde und was heute in ihrem Leben fehlt.

Zurück ins gesellschaftliche Leben
Sowohl in der Psychotherapie als auch im Shiatsu werden mit der Klientin Strategien für eine Rückkehr zu geliebten Tätigkeiten und ins gesellschaftliche Leben diskutiert. Die Klientin wird dazu angeregt, sich wieder mit Freunden und Bekannten zu treffen. Dies insbesondere an den für sie so einsamen Sonntagen. Sie setzt dies um und findet auch wieder den Mut, im Wald spazieren zu gehen. Die positiven Erlebnisse bei diesen Kontakten und Tätigkeiten stärken die Primarlehrerin. Im Wissen, diese Schritte gemeistert zu haben, gelingt es ihr allmählich, weitere Ängste abzubauen und wieder mit mehr Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen.

Dank der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Psychiaterin und Shiatsu-Therapeutin fühlt sich die Klientin gut aufgehoben, umfassend betreut und ernst genommen und findet den Weg zurück in ein erfülltes Leben.

Burnout
Der Begriff Burnout stammt aus dem Englischen und bedeutet «ausbrennen». Menschen mit einem Burnout leiden unter einem Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung und sind in ihrer Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt. Burnout ist ein Prozess, in dem die Symptome sich zunehmend verstärken, bis sie zum Zusammenbruch oder, in schlimmeren Fällen, zum Suizidversuch führen können. Burnout zeigt sich somit als Stressfolgeerkrankung, Erschöpfungssyndrom und Sinneskrise.

Weitere Beiträge zum Thema
_ Burnout: Interview mit Stephan Scherrer, lic. phil. Psychologe – Teil 1 (Ursachen und Symptome)
_ Burnout: Interview mit Stephan Scherrer, lic. phil. Psychologe – Teil 2 (Diagnose und Therapie)
_ Ein Gespräch mit Stephan Scherrer, lic. phil. Psychologe über das Burnout-Syndrom