Neurodiversität und Shiatsu: Balance finden auf schwankendem Boot

„Wenn du Videospiele spielst, hast du keine Aufmerksamkeitsprobleme!“ „Du scheinst aber völlig normal zu sein.“ „Autistische Menschen haben kein Einfühlungsvermögen.“ „Frauen können kein AD(H)S haben, das betrifft nur Männer.“ „Das ist nur ein Trend, früher gab es das nicht!“ Und der zeitlose Klassiker: „Wir sind alle ein bisschen neurodivergent.“

Wer mit Neurodiversität* lebt, hat solche Sprüche sicher schon gehört. Selbst mit den besten Absichten sind dies vereinfachende Aussagen, die wehtun: Sie leugnen oder verzerren eine komplexe Erfahrung.


Wovon sprechen wir eigentlich?
Neurodiversität ist keine vorübergehende Modeerscheinung oder eine Superkraft aus Comics. Sie beschreibt unterschiedliche Verarbeitungsweisen des menschlichen Nervensystems. In manchen Kontexten können diese neurokognitiven Profile zu Ressourcen werden; häufiger sind sie jedoch mit Kosten verbunden: einer echten energetischen und emotionalen Belastung, die sich im Laufe des Lebens aufbaut, während sich die Person an eine Welt anpassen muss, die auf andere neuronale Organisationsformen ausgerichtet ist.

Wer keine direkten Erfahrungen mit diesen Verarbeitungsrealitäten hat, kann mithilfe der folgenden, manchmal von Psycholog*innen und Psychiater*innen verwendeten Metapher die oft unsichtbaren Anstrengungen der Betroffenen besser nachvollziehen: Stellen Sie sich vor, Sie fädeln eine Nadel ein – aber Sie stehen auf einem Boot. Das Boot schwankt. Sie haben keine Brille. Jemand bombardiert Sie ständig mit Fragen, vielleicht tippt er Ihnen sogar die ganze Zeit auf die Schulter. Mit der Zeit wird die Aufgabe immer schwieriger. Sie werden frustriert.

Und das passiert jeden Tag: Prüfungen, Meetings, Alltag. Von aussen betrachtet „funktionieren“ Sie, doch innerlich ist der Preis hoch.


Maskieren, anpassen, den Preis bezahlen
Viele entwickeln eine Maskierung: Sie modulieren ihre Stimme, ihre Körperhaltung, ihren Blick und ihr Timing; sie orientieren sich an erlernten sozialen Mustern. Das funktioniert kurzfristig, hat langfristig aber seinen Preis: Angstzustände, Depressionen, Burnout können die Folge sein. Auch Mobbing, sei es in der Schule oder am Arbeitsplatz, findet bei neurodivergenten Personen leichten Nährboden, und Untersuchungen zeigen, dass es häufiger zu Ausgrenzung, Arbeitsplatzverlust und Konflikten in Beziehungen kommt.


Was sagt die Wissenschaft kurz und knapp? Geschichte und Stigmatisierung
Neurodivergenzen haben fast immer einen komplexen genetischen Ursprung. Bei Autismus liegt die Vererblichkeit bei etwa 80 %. Bei AD(H)S sind es 70-80 %. Es gibt kein „schuldiges Gen“: Viele Gene mit geringen Auswirkungen sind beteiligt.

AD(H)S wurde lange missverstanden. Anfang des 20. Jahrhunderts sprach man von einem „moralischen Kontrolldefekt“, später von „Hyperaktivität“ oder „ADD“. Erst später wurde AD(H)S als neurologische Entwicklungsstörung anerkannt.

Zu Autismus glaubte man lange Zeit, er werde durch kalte oder distanzierte Eltern verursacht. Diese Vorstellung gilt heute als widerlegt. Studien ab den 1960er- und 1970er-Jahren zeigten stattdessen, dass Autismus eine neurobiologische Grundlage hat.

Es gibt eine gewisse geschlechtsspezifische Voreingenommenheit: Mädchen und Frauen werden seltener diagnostiziert. Ihre Symptombilder sind unauffälliger, weil sie sich stärker anpassen und ihre Unruhe verbergen – vor allem, weil Unruhe bei Mädchen weniger toleriert wird. Und Mütter werden immer noch dafür verantwortlich gemacht, dass ihre Kinder „unangepasst“ sind, anstatt selbst Informationen, Beratung und Unterstützung zu bekommen.

AD(H)S, Autismus und andere neurodivergente Profile sind oft – jeweils auf ihre eigene Weise – mit Unterschieden in Körperwahrnehmung, sensorischer Verarbeitung und Selbstwahrnehmung verbunden. Bei Autismus wird häufig von Magen-Darm-Beschwerden berichtet. Chronische Schmerzen und eine spürbare „Körperlast“ treten in manchen Gruppen ebenfalls häufig auf.

Warum ein Perspektivenwechsel wichtig ist
Wenn Autismus und AD(H)S aus einer wertschätzenden Perspektive betrachtet werden, können Schuldgefühle und Selbstvorwürfe verringert werden. Statt sich nur auf Probleme zu konzentrieren, liegt der Fokus auf dem, was wirklich hilft: Umgebungen, die Halt geben, Training zur Selbstregulation und fachliche Unterstützung für Betroffene und ihre Familien. Dabei geht es nicht darum, die Person „normal“ zu machen. Es geht darum, ihre Art zu funktionieren ernst zu nehmen und so gut wie möglich zu stärken.

Shiatsu als Unterstützung der Regulierung
Shiatsu „heilt“ Neurodiversität nicht und verspricht keine Normalisierung. Es handelt sich vielmehr um eine körperliche Umgebung der Regulierung, in der die Person ihre Rhythmen ohne Maske erkunden kann.

Die Fähigkeit, innere Signale – Atmung, Herzschlag, Anspannung – wahrzunehmen, ist entscheidend für die Selbstregulierung. Die Arbeit mit Berührung und Druck stimuliert Haut- und Tiefenrezeptoren und stärkt so das Körperbewusstsein.

Langsame, rhythmische Berührungen aktivieren das beruhigende parasympathische Nervensystem (Vagus-Effekt). Bei Menschen mit AD(H)S und Autismus, deren Erregung oft schwankt, ist diese Regulierung sehr spürbar.

Berührungs- und Körperarbeit kann helfen, Angst und Stress zu reduzieren, den Schlaf zu verbessern sowie den „mentalen Lärm“ zu senken und dadurch die Aufmerksamkeit zu erhöhen.

Durch achtsame Körperarbeit wie Shiatsu können Menschen lernen, ihre Körperempfindungen ohne Wertung wahrzunehmen, zu begleiten und wieder loszulassen. Solche körperorientierten und achtsamkeitsbasierten Ansätze helfen oft längerfristig bei Angst, Stimmungsschwankungen und Problemen mit der Selbstregulation nach Stress oder Überreizung. Der „mentale Lärm“ lässt sich reduzieren und Aufmerksamkeit sowie Schlaf können sich verbessern.


Was Shiatsu bietet
Eine Umgebung, die für viele Menschen gut funktioniert, ist ruhig und vorhersehbar, mit Licht und Geräuschen, die nicht belasten. Aufmerksamkeit und Rückmeldungen sind ausdrücklich erwünscht, und die Intensität und Art der Berührung ist immer verhandelbar – da die Empfindlichkeit gegenüber Berührungen sehr unterschiedlich ist und sich während der Sitzung ändern kann.

Manche Menschen bevorzugen einen „Zuhörmodus”, bei dem sanft begonnen wird und die Bedürfnisse sich im Laufe der Sitzung zeigen. Andere kommen besser damit zurecht konkrete, realistische und messbare Ziele für die Sitzungen zu setzen, wie beispielsweise weniger Müdigkeit am Abend, mehr Toleranz gegenüber alltäglichen Reizen, schnellere Erholung nach Überlastung, weniger Spannungs-Schmerz-Episoden und ein klareres Gefühl der Zentriertheit.

Shiatsu wirkt in der Regel am besten als Teil eines Gesamtkonzepts: Es kann neben psychologischer, pädagogischer und medizinischer Unterstützung eingesetzt werden und diese gut ergänzen. Shiatsu ersetzt keine Diagnosen, Psychotherapie oder Medikamente, wenn diese notwendig sind; es „korrigiert” den Menschen nicht.

Unterstützung statt Anpassungsdruck
Wie wir zu Beginn bereits erwähnt haben, scheinen Stereotypen das Leben zu vereinfachen, aber nicht für diejenigen, die davon betroffen sind. Denn wir sind keine Kategorien, sondern Individuen mit all ihrer Schönheit.

Shiatsu nimmt die „Wellen vom Boot“ nicht weg und macht das Einfädeln nicht einfacher. Stattdessen bereitet es den Boden vor: Es schafft einen unterstützenden Rahmen und fördert die Regulierung auf sanfte und respektvolle Weise.

Shiatsu verspricht keine Wunder, aber es bietet Zuhören, Rhythmus und Präsenz. Oft reicht das schon aus, um einen schwierigen Tag in einen bewältigbaren zu verwandeln. Und wenn die Müdigkeit nachlässt, haben echte Talente mehr Raum, sich zu entfalten.

*Dieser Artikel bleibt bewusst allgemein und konzentriert sich auf Erwachsene mit AD(H)S und/oder autistischen Merkmalen, die wenig bis keinen formellen Unterstützungsbedarf haben. Das Thema ist sehr breit, deshalb kann hier nur ein Teil der individuellen Vielfalt gezeigt werden.


Text: Alice Ginger Zagato
Bild: Tommy Picone, pexels.com


Studien:
(1) https://www.nature.com/articles/s41380-018-0070-0
(2) https://www.nature.com/articles/s41586-025-09542-6
(3) https://apsard.org/wp-content/uploads/2022/01/Child-Psychology-Psychiatry-2021-Hinshaw-Annual-Research-Review-Attention%E2%80%90deficit-hyperactivity-disorder-in-girls.pdf?
(4) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35661545/
(5) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34563942/
(6) https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10173330