Interview mit Nadia Kälin-Livers

Für Nadia Kälin (38) war von Anfang an klar, dass sie den neuen Berufsabschluss mit dem Branchenzertifikat erreichen möchte. Auch wenn das Schreiben des Essays zunächst eine Hürde darstellte, hat sie von der Auseinandersetzung mit dem neuen Berufsbild viel profitiert und Klarheit über ihr therapeutisches Handeln gewonnen.

Früher warst du Profi-Snowboarderin und Leistungssportlerin, jetzt bist du als Shiatsu-Therapeutin tätig. Unterschiedlicher könnten zwei Berufe kaum sein. Hast du einen persönlichen Wandel vollzogen?
Ich habe lange in zwei Welten gelebt: Wenn du Snowboardrennen fährst, dann geht es immer ums Tempo. Neben dem Snowboarden war ich als Detailhandelsspezialistin im Sportgeschäft meiner Eltern tätig. Auch da geht es immer ums Tun: Du musst agieren und reagieren. Es wird viel von dir gefordert, und ich habe mir selbst auch immer viel abverlangt. Wenn man in dieser Welt lebt, kommt einem alles andere extrem langsam vor. Daneben habe ich mich aber stets intensiv mit Meditation beschäftigt und Kurse in Persönlichkeitsentwicklung, Atem-Therapie, Tanz und Familienstellen besucht. Ich sass also mit anderen Menschen im Kreis am Boden und wir haben einander unsere Gefühle anvertraut! (lacht). Das war lange Zeit ein Spagat. Als ich dann die Ausbildung zur Shiatsu-Therapeutin abschloss und zu praktizieren anfing, wurde das ein viel grösserer Teil in meinem Leben, den ich nicht missen möchte.

Wie lebst du heute deine Freude am Tempo aus?
Indem ich Sport mache. Und indem ich mir immer wieder neue Projekte und Herausforderungen suche, von denen ich anfangs oft gar noch nicht weiss, wie ich sie werde bewältigen können. Kürzlich habe ich zugesagt, für eine Frauengruppe einen Abend mit Meditation und Bewegung zu gestalten. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich das anleiten werde, aber ich fand einfach: Das mache ich!

Du hast letztes Jahr das Branchenzertifikat erworben. Was hat dich dazu bewogen?
Ich bin jung und möchte noch längere Zeit praktizieren. Da unser Beruf nun eidgenössisch anerkannt worden ist, ist es mir wichtig, über diesen Abschluss zu verfügen. Ich betrachtete das als bedeutsames Signal des Bundes, dass er unseren Beruf wertschätzt und unterstützt. Die Shiatsu-Therapeuten, die aktuell ausgebildet werden, sind ja bereits auf diesem Weg. Wir anderen haben sicher auch eine solide Ausbildung genossen. Aber um beruflich gut etabliert zu sein und wirtschaftlich arbeiten zu können, braucht es noch weitere Kompetenzen. Abgesehen davon lerne ich gerne Neues und der Austausch mit anderen gefällt mir. In der Praxis arbeiten wir als Therapeuten ja immer alleine.

Wovon hast du auf dem Weg zum Branchenzertifikat persönlich profitiert?
Ich habe sehr viel vom neuen Berufsbild profitiert. Ich habe die Ausbildung zur Shiatsu-Therapeutin 2011 abgeschlossen, dann als Therapeutin gearbeitet und immer ein bisschen dazu gelernt. Doch in meiner therapeutischen Arbeit, die auch intuitiv ist, fehlten mir manchmal die Struktur und das Feedback. Ich sah zwar, dass meine Klienten von meinen Behandlungen profitierten, und sie spürten das auch. Doch erst im neuen Berufsbild habe ich Wichtiges explizit beschrieben gefunden – zum Beispiel die verschiedenen Prozessphasen – und gewann so mehr Klarheit über mein Tun. Mir wurde auch klar, dass ich einiges aus der KomplementärTherapie bereits anwende, was mir Bestätigung gab. Aber ich merkte auch, wo ich noch dazulernen kann.

In welchem Bereich kannst du noch dazulernen?
Zum Beispiel finde ich den Transfer immer noch eine Herausforderung: Mit welchen Aufgaben schicke ich Klienten heim? Bei welchen Themen bitte ich sie, achtsam zu sein? Auch beim Formulieren von konkreten Zielen kann ich noch dazulernen. Was mir aber ganz wichtig ist: In unserem neuen Berufsbild werden die Klienten zu hundert Prozent einbezogen. Das hatte ich aus meiner Ausbildung so nicht gekannt, und das hat mir sehr geholfen. Jetzt traue ich mich, den Klienten voll in die Verantwortung zu nehmen.

Was war für dich die grösste Herausforderung auf dem Weg zum Branchenzertifikat?
Das Essay zu schreiben. Zuerst musste ich das Wort «Essay» durch «Aufsatz» ersetzen. Das hat mir schon viel meiner Angst genommen. Ich fand es zudem schwierig, ein Thema als Fliesstext zu gestalten, ohne die vertrauten Strukturhilfen wie zum Beispiel einen Theorieteil und einen praktischen Teil zu verwenden. In meinem Essay habe ich über die verbale Kommunikation während der Shiatsu-Behandlung geschrieben. Ich hatte ursprünglich eine Form von ganz stillem Shiatsu gelernt, das Zen-Shiatsu. Während der Behandlung wichtige Punkte anzusprechen, war neu für mich. Ich habe beobachtet, wie das auf mich wirkt und wie es meine Behandlungen verändert. Als ich dann am Schreiben war, war es nicht mehr so schlimm. Aber am Anfang diesen Berg vor mir zu sehen, war sehr schwierig.

Was half dir, den Berg zu überwinden?
Das Wissen, dass ich schon viele Arbeiten geschafft habe – also würde ich auch diese schaffen. Wenn ich mal zu schreiben anfange, dann fliesst es. Der vorbereitende Kurs zum Branchenzertifikat half mir dabei natürlich sehr. Den Kurs kann ich sehr empfehlen.

Was hast du im Kurs gelernt?
Ich habe mich intensiv mit dem neuen Berufsbild auseinandergesetzt und gelernt, es praktisch anzuwenden. Als ich mich vorab auf der OdA KT-Seite informierte und die Beschreibung des Berufsbildes sowie die Anleitung zum Essay las, meinte ich zuerst, eine neue Sprache lernen zu müssen! Offizielle Formulare sind keine einfache Lektüre für mich und schüchtern mich schnell ein. Im Kurs wurde das Ganze fassbarer und vieles fühlte sich sogar vertraut an. Wir haben im Kurs die Prozessphasen aus dem Berufsbild praktisch geübt: Was ist ein Transfer? Wo passiert Integration? Ich habe gelernt, diese Phasen in meinen eigenen Behandlungen wahrzunehmen und auch andere Therapeuten zu beobachten, bei denen ich Shiatsu-Behandlungen nehme.

Gab es auch Dinge auf dem Weg zum Branchenzertifikat, die dir richtig Spass gemacht haben?
Ja, die Kurse. Ich empfinde das Branchenzertifikat als Stärkung meines Berufes und es macht mir Spass, hier dabei zu sein. Das geht nicht allen so: Im Gespräch mit Kursteilnehmern stellte ich fest, dass manche den neuen Berufsabschluss eher als Druck von aussen empfinden, dem sie sich beugen müssen. Das hat dann natürlich eine andere Energie als wenn man persönlich überzeugt und motiviert ist. Schliesslich war auch die Erfahrung, dass ich bereits einiges aus dem Modell der KomplementärTherapie anwende, eine schöne Bestätigung für mich.

Strebst du auch die Höhere Fachprüfung an?
Ja, das ist mein Ziel. Aber da ich zwei kleine Kinder habe, ist meine Arbeitszeit limitiert. Im Moment ist meine Priorität, meine neue Praxis einzurichten, weitere Berufserfahrung zu sammeln und mit der Supervision zu beginnen. Danach werde ich mich auf den Weg machen.

Was empfiehlst du Shiatsu-Therapeutinnen, die diesen Weg noch vor sich haben?
Das Branchenzertifikat machst du für dich selbst! Ich habe es als sehr unterstützend für meine tägliche Arbeit erlebt. Das prozesszentrierte Arbeiten entspricht meiner Vorstellung, wie ich Menschen mit Shiatsu begleiten möchte. Für mich ist es darum keine Frage, ob man das Branchenzertifikat in Angriff nehmen soll. Es ist ein spannender Weg, bei dem es letztlich um die eigene Entwicklung geht.

Persönliche Angaben:
Name: Nadia Kälin-Livers
Alter: 38 Jahre
Shiatsu-Therapeutin seit: 2011, seit 2015 mit EMR-Anerkennung
KomplementärTherapeutin
mit Branchenzertifikat seit: 2017
Erstberuf: Profi-Snowboarderin und Detailhandelsspezialistin

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

Weiterführende Links:
_ Weiterführende Blogberichte zum Beruf «KomplementärTherapeutin»
_ Schweizer Shiatsu-Schulen
_ Kursagenda Kurse an Schweizer Shiatsu-Schulen (nur für Aktivmitglieder zugänglich)
_ Gleichwertigkeitsverfahren Branchenzertifikat
_ Berufsbild KomplementärTherapeutIn, OdA KT

 

Interview: Janine Messerli