Praxisbeispiel ADHS

ADHS, eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit oder ohne Hyperaktivität, ist bei Erwachsenen oft weniger sichtbar als in der Kindheit, aber im Alltag deutlich spürbar. Betroffene kämpfen häufig mit Unaufmerksamkeit, innerer Unruhe, Impulsivität und Schwierigkeiten in der Planung und Organisation. Viele erleben Überforderung, starke Ablenkbarkeit oder Probleme, Aufgaben zu Ende zu bringen. Gleichzeitig bringt ADHS auch Stärken wie Kreativität, Energie und spontane Problemlösung mit. Eine Diagnose im Erwachsenenalter kann entlasten und Wege eröffnen, den eigenen Alltag besser zu verstehen und zu gestalten. ADHS ist nicht heilbar aber behandelbar – und Unterstützung wirkt.


Wie wirkt Shiatsu bei ADHS im Erwachsenenalter?

Viele Menschen mit ADHS erleben häufig innere Anspannung, Unruhe oder Reizüberflutung. Shiatsu hilft, das Nervensystem zu beruhigen, Stress abzubauen und einen klareren Zugang zu den eigenen Bedürfnissen zu finden. Die Behandlung kann das Spüren von Grenzen verbessern, was besonders hilfreich ist, wenn Impulsivität oder Überforderung den Alltag prägen. Auch die Atmung vertieft sich, was Konzentration und innere Stabilität stärkt.

Darüber hinaus bietet Shiatsu einen geschützten, vorurteilsfreien Raum, in dem Entspannung ohne Leistungsdruck möglich ist. Das unterstützt Menschen dabei, zur Ruhe zu kommen, Prioritäten besser wahrzunehmen und mehr Ausgeglichenheit in ihr Verhalten zu bringen.

Die empathische Begleitung und das Gespräch in der Shiatsu-Therapie ermöglichen, Schwierigkeiten zu erkennen, zu formulieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Oder, wie das folgende Beispiel zeigt, Indizien für eine darunterliegende Neurodivergenz erst aufzudecken.

Shiatsu ersetzt keine medizinische Behandlung, kann aber eine wertvolle Ergänzung sein, um ADHS -Symptome zu lindern und die Selbstregulation zu stärken.


Ein Beispiel aus der Praxis

Um 3 Uhr morgens lief Bill (43) langsam um seine Kücheninsel herum, weil seine Beine „nicht abschalten wollten”. In den letzten Tagen hatte er die üblichen Massnahmen ausprobiert – Dehnübungen, Kniebeugen und die Einnahme von Magnesium- und Eisenpräparaten auf Anweisung seines Arztes –, ohne dass sich etwas geändert hätte. Das Kribbeln in seinen Waden breitete sich bis in seinen unteren Rücken aus und mit ihm kam das vertraute, private Gewicht seiner kürzlichen Scheidung.

Zuvor war ihm in einem Kundengespräch eine einfache Frage gestellt worden. Er kannte die Antwort, doch sein Geist war wie leergefegt. Die Worte schwebten, ohne dass er sie zu fassen kriegte, währenddessen sein Gegenüber wartete. Hitze stieg ihm ins Gesicht; er lachte peinlich berührt, machte sich ein paar Notizen und spürte, wie sein Ansehen ins Wanken geriet.

Bill hatte Shiatsu vor einigen Jahren während eines Burnouts auf Anraten eines Freundes kennengelernt. Obwohl er zunächst skeptisch war, spürte er dennoch eine positive Wirkung. Aufgrund dieser erneuten stressigen Phase kehrt er nun zurück und klagt über ein Wiederauftreten des Symptoms unruhiger Beine und eine ausgeprägte Muskelverspannung.

Bill beschreibt auch seine nach Bestätigung suchenden Gedanken im Zusammenhang mit seiner neuen Beziehung. Er stellt fest, dass er wiederholt die Verfügbarkeit seiner Partnerin überprüft und sich unglaublich niedergeschlagen fühlt, wenn er Ablehnung spürt, obwohl er seine Reaktion als unverhältnismässig und mit dem Trennungsstress verbunden erkennt.

Shiatsu wird ihm als Unterstützung zur Regulierung angeboten. Ein Kontext, in dem Bill seinen eigenen Rhythmus und die Wahrnehmung seiner inneren Welt ohne Bewertung erforschen kann. Die Sitzungen konzentrieren sich auf eine langsame, anhaltende Arbeitsweise in einem Rhythmus, der zur Entspannung und Beruhigung beiträgt, wobei jeder Schritt abgesprochen wird. Bill berichtet von einem sofortigen Gefühl der „Erdung” und einer Verringerung der allgemeinen Anspannung nach den Sitzungen.

Von Sitzung zu Sitzung spricht er offener über seine Vergangenheit und seine aktuellen Frustrationen. Langjährige Kompensationsstrategien, die zuvor seine Leistung am Arbeitsplatz unterstützt hatten, scheinen nicht mehr zu funktionieren. In seiner kreativen Marketingfunktion glänzt er bei hochstimulierenden Aufgaben, hat jedoch Schwierigkeiten mit Terminen, langen Besprechungen und unerwarteten Fragen. In solchen Momenten hat er trotz Kenntnis des Inhalts ein völliges „Blackout”, was seine Autorität und sein Selbstwertgefühl untergräbt.

Angesichts der anhaltenden Aufmerksamkeits- und Planungsprobleme und deren funktioneller Auswirkungen empfiehlt die Therapeutin eine formelle Beurteilung. Bill beschliesst, sich auf ADHS untersuchen zu lassen. Einige Monate später erhält er die formelle Diagnose ADHS.

Die Shiatsu-Sitzungen werden fortgesetzt, um Stress und Traurigkeit zu bewältigen, die Selbstwahrnehmung zu stärken und Muskelverspannungen zu lösen. Bill wird nun medikamentengestützt begleitet und berichtet, dass ihm die monatlichen Shiatsu-Sitzungen weiterhin helfen. In Zeiten erhöhter Belastung nimmt er zusätzliche Sitzungen in Anspruch.


Text: Alice Ginger Zagato
Bild: Shiatsu Gesellschaft Schweiz


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(2) https://elpos.ch/