Shiatsu bei Chronic Fatigue: Lebensqualität zurückgewinnen

Erschöpfung, die bleibt, egal wie lange man sich ausruht. Das Chronische Fatigue Syndrom ist weit mehr als anhaltende Müdigkeit. Es ist ein komplexes Krankheitsbild, für das es bis heute keine klare medizinische Ursache und keine erprobte Therapie gibt. Wie eine aktuelle Untersuchung der International Academy for Hara Shiatsu in Wien zeigt, kann eine Shiatsu-Therapie den Betroffenen jedoch eine sanfte, regulierende Begleitung bieten, welche die Lebensqualität verbessert.


Caroline K.*, 55, hat vor einem Jahr die Diagnose Chronisches Fatigue Syndrom erhalten. Voraus gingen stressreiche Berufsjahre und ein Burnout. Heute kann Caroline nur noch einen Tag pro Woche arbeiten. Sie fühlt sich schnell müde und überreizt und hat oft Magen-Darm-Probleme. Früher hat sie viel Sport getrieben. Heute reicht ihre Energie nur noch für kurze Spaziergänge. Ihr Schlaf ist selten erholsam, selbst wenn sie acht Stunden schläft. «Ich kann mich nicht mehr entspannen», erzählt sie bei ihrem ersten Besuch in meiner Shiatsu-Praxis.

Was ist Chronische Fatigue?

Chronic Fatigue, häufig auch als Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) bezeichnet, ist eine komplexe neuro-immunologische Multisystem-Erkrankung, die vor allem durch eine Fehlregulation des zentralen und autonomen Nervensystems, des Immunsystems und des Stoffwechsels gekennzeichnet ist. Für Betroffene bedeutet dies eine stark eingeschränkte Leistungsfähigkeit und schwere Erschöpfung, die auch nach Ruhephasen nicht nachlässt. Viele Betroffene berichten zudem von Konzentrations- und Gedächtnisproblemen (Brain Fog), Glieder-, Kopf- und Muskel-Schmerzen, Magen-Darm-Problemen, Schwindel sowie einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Reizen. Der Schweregrad bei ME/CFS kann stark variieren und reicht von leichter Einschränkung bis hin zur vollständigen Pflegebedürftigkeit.

Typisch für ME/CFS ist die sogenannte Post-Exertionelle Malaise – PEM – die auch «Crash» genannt wird: eine Zustandsverschlechterung, die oft erst Stunden oder sogar Tage nach einer körperlichen oder mentalen Anstrengung einsetzt.

Die Ursachen von ME/CFS sind bislang nicht vollständig geklärt. Als mögliche Auslöser werden Virusinfektionen wie Covid-19 oder Epstein-Barr diskutiert, ebenso chronischer Stress, Burnout oder Dysbalancen im Immun- und Nervensystem. Da es keinen eindeutigen Labortest gibt, erfolgt die Diagnose klinisch anhand definierter Kriterien. Eine der aktuell wegweisenden Leitlinien für die Diagnose bietet das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) in Grossbritannien mit seiner Nice-Skala. Diese unterscheidet in Schwergrade: leicht, moderat, schwer und sehr schwer. So können die funktionellen Einschränkungen und der Unterstützungsbedarf der Betroffenen besser eingeschätzt werden.

Die Behandlung von ME/CFS konzentriert sich auf Symptomlinderung und ein angepasstes Energiemanagement («Pacing»), wobei das Überschreiten der Belastungsgrenze vermieden werden muss, um keinen «Crash» zu verursachen.

Dass es bis heute keine gesicherte medizinische Ursache und keine erprobte Therapie gibt, macht die Situation für Betroffene schwierig: Sie erleben belastende Symptome, erhalten aber oft keine klaren medizinischen Antworten und werden manchmal sogar als Faulenzer abgetan.

Shiatsu beim Chronischen Fatigue Syndrom

Auch in den Shiatsu-Praxen sind Menschen mit ME/CFS in den letzten Jahren immer häufiger anzutreffen, wie die International Academy for Hara Shiatsu in Wien in ihrem Bericht von 2025 schreibt (siehe Link unten). Deshalb hat die Academy in Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten aus Schulmedizin und TCM eine Untersuchung mit Betroffenen durchgeführt. Dafür wurden 18 Personen mit leichtem bis moderatem ME/CFS (gemäss der oben erwähnten Nice-Skala) in insgesamt 133 Shiatsu-Sitzungen über vier Monate behandelt. Pro Person fanden sieben bis zehn Sitzungen statt. Die Wirkung der Behandlungen wurde mit sieben Kernqualitäten bewertet: Lebensqualität/-freude, körperliche und psychische Leistungsfähigkeit, Schlafqualität, Gelassenheit, Hoffnung auf Verbesserung, Annehmen-was-ist. Die Auswertung erfolgte anhand eines Anfangs- und Endfragebogens, persönlicher Gespräche bei jeder Shiatsu-Behandlung und Rückmeldungen der Teilnehmenden.

Kommunikation zwischen Körper und Geist stärken

Die Autorinnen und Autoren der Untersuchung gingen davon aus, dass Shiatsu eine passende Therapiemethode bei ME/CFS ist, weil keinerlei aktive Bewegung der Betroffenen nötig ist und sie völlig entspannt bleiben können. Die Berührungsqualität im Shiatsu ist ruhig, achtsam, langsam und tief. Es wird nichts von aussen aufgezwungen, gefordert oder manipuliert. Über die Berührung und die Meridianarbeit fördert Shiatsu die innere Verbindung – ein zentraler Aspekt bei ME/CFS – sowie die Kommunikation zwischen Körper und Geist, und stärkt so den freien Fluss von Blut und Energie im Menschen. Auf diese Weise können Blockaden und Spannungen sanft gelöst werden. In den Behandlungssequenzen sollte Shiatsu so eingesetzt werden, dass es Betroffene unterstützt, ohne das ohnehin empfindliche System zu überfordern. Die Konzentration auf die Yin-Aspekte, ein Arbeiten in langsam aufbauenden Schritten mit kürzeren Einheiten zu Beginn und einem achtsamen, individuell angepassten Verlängern der Behandlungsdauer, soll die Gefahr von «Crashes» minimieren.

Verbesserung von Lebensqualität, Gelassenheit und Schlaf

Meine Klientin Caroline K. erhofft sich von der Shiatsu-Therapie, wieder besser entspannen und schlafen zu können. Der energetische Befund zeigt viel Leere und Bedürftigkeit im Erd-Element, insbesondere auf dem Magen-Meridian und eine grosse Spannung im Nervensystem. In der Shiatsu-Behandlung kann sich Caroline K. ganz fallen lassen. Ihr Kopf, in dem sich die Gedanken unaufhörlich drehen, kommt endlich zur Ruhe. «Es ist wie ein tiefes Luftholen und Energietanken», schildert sie nach der ersten Behandlung ihr Erlebnis. Die Entspannung gelingt.

Auch die Ergebnisse der Untersuchung der International Academy for Hara Shiatsu sind erfreulich: Durch die ruhigen, tiefen und langsamen Berührungen hatten die Shiatsu-Behandlungen insgesamt einen positiven Einfluss auf das Nervensystem und das Stressempfinden der Betroffenen – ebenso auf deren Schlafqualität und das allgemeine Wohlbefinden. Zudem trugen die Shiatsu-Behandlungen zu einem besseren Körpergefühl bei: Die Teilnehmenden spürten sich besser und fühlten sich verbundener mit sich selbst. Die Gespräche, insbesondere das gute Zuhören seitens der Therapeutinnen und Therapeuten, erachteten sie als wichtig für den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung. In Bezug auf die untersuchten Kernthemen war fast überall eine leichte Verbesserung zu verzeichnen, vor allem bei der gefühlten Lebensqualität und Freude, der Gelassenheit (Stresslevel/Entspanntheit), der körperlichen Leistungsfähigkeit und der Schlafqualität.

Diese Veränderungen sind bedeutsam, weil sie einen Perspektivenwechsel ermöglichen: Statt ausschliesslich auf das zu schauen, was nicht funktioniert, entsteht wieder ein Zugang zu dem, was möglich ist. Shiatsu schafft einen Raum, in dem der Körper nicht leisten muss, sondern sich regulieren darf. Es adressiert nicht einzelne Symptome, sondern wirkt ganzheitlich: Es beruhigt das Nervensystem, bringt das Energiesystem ins Gleichgewicht und kann regulierend auf das Immunsystem wirken.

Leitfaden für die Shiatsu-Behandlung

Basierend auf ihren Erfahrungen haben die Autorinnen und Autoren einen Leitfaden für die Behandlung von ME/CFS mit Shiatsu verfasst. Einen Fokus legen sie darin auf den energetischen Yin-Aufbau sowie auf die Stärkung der Ressourcen: angenehme oder neutrale Empfindungen sollen wahrgenommen und gestärkt werden, sodass der Körper neue Referenzerfahrungen machen kann. Auch Pausen empfehlen sie als wichtigen Bestandteil der Behandlung. Diese ermöglichen, dass sich Veränderungen setzen und im System verankern können. Die Förderung der Selbstwahrnehmung ist zudem wichtig: So lernen Klientinnen und Klienten, feine Unterschiede im Körper zu spüren und ernst zu nehmen. Diese Fähigkeit ist besonders im Alltag wertvoll, um kleine Signale frühzeitig wahrnehmen zu können. Schliesslich soll es darum gehen, die Wirkung der Behandlung in den Alltag zu integrieren. Kurze Momente der Achtsamkeit, einfache Atemübungen oder bewusster Körperkontakt können dabei helfen, die Regulation auch zwischen den Sitzungen zu unterstützen.
Caroline K.’s Fatigue wurde durch Shiatsu nicht geheilt. Aber die Behandlungen sind für sie wertvolle Inseln der Entspannung und des Selbstkontakts, aus denen sie jeweils mit frischer Zuversicht in den Alltag zurückkehrt. Sie nimmt aus der komplementärtherapeutischen Begleitung auch mit, wie wichtig es ist, sich im Alltag die nötigen Pausen zu gönnen und Dinge zu tun, die sie nähren und stärken.

*der Name und die biografischen Eckdaten wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert



Autorin: Janine Messerli
Janine Messerli ist Komplementärtherapeutin mit eidg. Diplom der Methode Shiatsu und freie Journalistin MAZ/Lic. Phil I

weiterführende Links:

_ Shiatsu für Menschen mit ME/CFS; Patrycja Waldner, Michael Stein, Clemens Mercado-Herzinger, Andrea Tenpenny, Mischa Thome. International Academy for Hara Shiatsu, Wien, 2025.

_ National Institute for Health and Care Excellence (NICE)

_ Patienten-/Selbsthilfeorganisationen: Verein ME/CFS Schweiz, Schweizerische Gesellschaft für ME&CFS – SGME, Selbsthilfe Schweiz führt in verschiedenen Kantonen Gruppen für Betroffene

_ Das Universitätsspital Zürich und das Kantonsspital Graubünden bieten Spezialsprechstunden an, die sich mit der Abklärung und Diagnose von ME/CFS befassen.

Links abgerufen am 5. Mai 2026