Wenn Berührung trägt: Shiatsu in der palliativen Begleitung

Palliative Begleitung unterstützt Menschen mit schweren, unheilbaren Erkrankungen dabei, bestmögliche Linderung und Lebensqualität zu erfahren und Würde zu bewahren. Was kann Shiatsu hierzu beitragen? Ein Gespräch über die Rolle von Berührung und Präsenz in einer sensiblen Lebensphase.

Ein Interview mit Trix Schilling, Pflegefachfrau in einem mobilen Palliative-Care-Team(1) und Komplementär-Therapeutin mit Branchenzertifikat Methode Shiatsu


Als Pflegefachfrau hast du schon immer mit Patient*innen im onkologischen Bereich gearbeitet und da auch eine Praxis mit aufgebaut, bist aber auch Shiatsu-Therapeutin. Wie verbindest du die beiden Berufe?

Als Onkologiefachfrau begleitete ich Patient*innen während einer für sie einschneidenden Lebensphase. Oft ist diese Zeit für sie von Verzweiflung, Bangen, Hoffen, der Suche nach der Sinnhaftigkeit des Lebens und der Frage nach der Bedeutung der aufgetauchten Krebserkrankung geprägt. Einige Menschen suchen neben der schulmedizinischen Behandlung auch Halt in der Komplementärtherapie. Dieses ergänzende Wissen wollte ich mir auch aneignen. Shiatsu bot sich an, weil ich dabei den Erfahrungsschatz der traditionellen chinesischen Medizin mit dem «handwerklichen» Berühren kombinieren konnte. Der Ansatz, dass die Selbstheilungskräfte in jedem Menschen vorhanden sind, gefiel mir sehr und ergänzt die Schulmedizin auf ideale Weise.

Aktuell arbeite ich in einem mobilen Palliativ-Care-Team, das heisst, wir besuchen die Patient*innen in ihrem Zuhause. Die Betroffenen leiden unter ganz verschiedenen, nicht heilbaren Erkrankungen. Zuvor habe ich 20 Jahre bei der Spitex gearbeitet. In meine Shiatsu-Praxis kommen Menschen mit den verschiedensten Krankheitsgeschichten, zu einem kleinen Teil befinden sie sich auch in palliativer Situation.

Meine Erfahrungen aus dem Shiatsu haben einen klaren Einfluss auf meine Haltung und Beratung in der Pflege. Körperliche Berührung bietet sich schneller an und die Berührungsqualität hat sich sehr verfeinert. Umgekehrt fällt es mir leichter, mit meinen Klient*innen im Shiatsu über die Vergänglichkeit des Lebens oder auch über die Angst vor dem Tod zu sprechen.

Wie lässt sich Shiatsu grundsätzlich in den Bereich der palliativen Pflege integrieren?

Die Palliative Care wird durch ein multiprofessionelles Team abgedeckt, das medizinische und pflegerische Behandlungen, sowie psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung bietet. Grundsätzlich kann Shiatsu in jeder Situation hilfreich sein, da die Grundhaltung sehr ähnlich ist wie diejenige in der Palliative Care: Bei beiden steht die Stärkung der Selbstbestimmung und das Bejahen des Lebens im Zentrum, während das Sterben als normaler Prozess akzeptiert wird.

Je nach Situation ist Physiotherapie hilfreich, beispielsweise um die Atmung und/oder Beweglichkeit zu verbessern. Oft kann diese aber auch zu stark aktivieren und die Energie dazu fehlt schlichtweg. Hier kann die akzeptierende, nährende und nicht fordernde Herangehensweise des Shiatsu eine gute Ergänzung bieten. Im Rahmen eines Hospizes kann Shiatsu eine echte Bereicherung für alle Beteiligten bedeuten: Eine Studie in einem englischen Hospiz zeigte bei den Patient*innen deutliche kurz- und langfristige Verbesserungen hinsichtlich Energiehaushalt, Entspannung, Selbstvertrauen, Symptomkontrolle, Klarheit des Denkens und Mobilität(2).

Welche Ziele verfolgt Shiatsu in der palliativen Begleitung?

Als erstes müssen der Wunsch und die Offenheit da sein, mit Shiatsu etwas Neues ausprobieren zu wollen. Das Ziel einer Shiatsu-Therapie im Palliativ-Bereich ist so individuell wie die Klient*innen: Bei den einen steht Schmerzlinderung im Vordergrund, bei anderen Beruhigung der Angst, Verbesserung des Schlafs oder der Verdauung.


Praktische Anwendung

Wie läuft eine Shiatsu-Sitzung bei einer schwerkranken oder sterbenden Person konkret ab?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Shiatsu in der Sterbebegleitung sehr individuelle Formen annimmt. Es gilt stets neu einzuschätzen, was gerade stimmig und wie viel überhaupt angebracht ist. Die Behandlung richtet sich stark nach dem Rhythmus der Klient*innen – sie geben das Tempo vor. Ziel ist, positive, angenehme Empfindungen zu vermitteln; es kann auch um konkrete körperliche Symptome, z.B. um Schmerzen, die durch Shiatsu Erleichterung finden können, gehen.

Besonders heilsam ist die Qualität der Berührung: endlich wieder einmal berührt zu werden, ohne dass es um eine Untersuchung oder pflegerische Massnahme geht.

Shiatsu kann auch Angehörigen helfen, besser mit belastenden Situationen umzugehen. So ermuntere ich sie, bewusst kleine Auszeiten für sich zu nehmen. Oder ich zeige ihnen, wie sie ihre Schultern lockern oder ihre Füsse spüren können. Diese Mini-Selbstbehandlungen helfen, zur Ruhe zu kommen und Anspannungen zu lösen. Auf Wunsch behandle ich Angehörige separat in meiner Praxis.

Wie kann Shiatsu Menschen unterstützen, emotionale, psychische und körperliche Belastungen zu verarbeiten, wenn sich ihre körperlichen Möglichkeiten zunehmend einschränken und der Tod näher rückt?

Körperliche Symptome wie Schmerzen oder Verspannungen lassen sich durch Bewegung und Meridianbehandlung lindern. Für die geistige Verarbeitung wirken die Behandlungen sehr individuell: Manche Klient*innen können genau beschreiben, was sich verändert hat, andere nehmen vor allem eine innere Ruhe oder Entspannung wahr.

Die eigene Lebensqualität steht im Vordergrund: Shiatsu soll guttun und einen Moment ermöglichen, in dem man etwas Positives für sich selbst herausholen kann. Klient*innen berichten, dass sie Ruhe in sich finden und sich „aufgehoben“ fühlen. Jemand beschrieb ein Gefühl, wie „Gold, das durch mich fliesst“.

Häufig fehlt die Kraft für aktives Handeln, und Shiatsu bietet einen Raum, in dem man sich einfach hingeben kann – sowohl sich selbst als auch der Behandlung. Es ist etwas Neues, das sich gut anfühlt: Im Körper passiert etwas, das man nicht steuern kann, und gerade das wird als wohltuend erlebt.

Ein Erlebnis, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, betrifft eine Frau, die wegen eines Tumors im Bauch bestrahlt wurde und durch die Spitex zu mir kam. Sie beschrieb, dass sie sich „verspickt“ fühlte. Schon nach der ersten Behandlung konnte sie sich wieder als Ganzes fühlen. Durch eine Serie von Behandlungen konnte sie dieses Gefühl des inneren Ganzseins weiter vertiefen.

Wie erlebst du persönlich die Arbeit mit Menschen in ihrer letzten Lebensphase? Wie sorgst du selbst für deine seelische und körperliche Balance in dieser anspruchsvollen Arbeit?

Am Anfang berührten mich bestimmte Situationen enorm, z.B. als ich auf der Leukämiestation mit fast gleichaltrigen (jungen Erwachsenen) gearbeitet habe. Sie waren dabei, ihr Leben, vielleicht mit eigener Familie, aufzubauen und die Krebserkrankung warf oft alles durcheinander. Ich war schon manchmal am Boden zerstört und empfand vieles als total ungerecht. Ich musste lernen, die nötige Distanz dazu aufzubauen. Mir persönlich hilft das Vertrauen in den Lebensweg und das Bewusstsein, dass solche Erfahrungen zum Leben gehören. Diese Haltung versuche ich auch in mein eigenes Leben zu integrieren.

Wenn es irgendwann so wäre, dass mich nichts mehr berührt, müsste ich mich fragen, ob ich noch am richtigen Ort arbeite. Schlaflose Nächte kommen vor, sie müssen aber im Rahmen bleiben.

Dabei ist es sehr wichtig, in einem sozialen Umfeld zu arbeiten, in dem man sich getragen fühlt. Austausch und Netzwerke, wie zum Beispiel KOMPAS(3) geben Halt, Orientierung und die Möglichkeit, Erfahrungen zu teilen. Mit jeder Begegnung habe ich sehr viel gelernt, und die Reflexion hilft mir, sowohl professionell als auch persönlich zu wachsen.

Wie verabschiedest du dich bei deinen Klient*innen nach einer Behandlung (bzw. wenn du als Pflegefachfrau dort bist von den Patient*innen) – im Wissen, dass du sie allenfalls das letzte Mal siehst?

Ich achte darauf, ob Fragen geklärt sind und ob sich eine Verbesserung im Befinden gezeigt hat. Da ich oft die Wünsche der Klient*innen kenne, kann ich einschätzen, was ihnen noch wichtig ist und wünsche ihnen, dass sie diese Dinge noch erleben können. Manchmal sage ich auch offen, dass ich nicht weiss, ob ich sie noch einmal sehen werde. Für mich persönlich ist der Händedruck zu Beginn und am Ende meines Besuches sehr wichtig. So bleibt am Ende oft weniger das Gesagte, als die stille Gewissheit, einander wirklich begegnet zu sein.


Interview: Andrea Pfisterer

(1) Unter Palliative Care versteht man alle Massnahmen, die das Leiden eines unheilbar kranken Menschen lindern und ihm so eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Lebensende verschaffen.
(2) Cheesman et al. 2001: Exploring the value of shiatsu in palliative care day services. International Journal of Palliative Nursing, 7, No.5
(3) KOMPAS: Verein für Komplementärtherapie in palliativen Situationen


Links zum Thema:
(1) www.palliative.ch
(2) www.kompas-zh.ch