Nachdenken über Gesundheit
«Gesundheit ist die Menge an Freude, die wir in unserem Körper halten können» sagt die Autorin Sophie Strand in einem Podcast.[1]
«Health is the amount of joy we can hold in our body».
Ich mag diese Idee und habe sie mir deshalb notiert.
Ich mag sie, weil diese Art von Gesundheit für uns alle erreichbar ist.
Weil sie etwas Gefühltes ist und nicht eine äussere Vorgabe.
Unsere Gesellschaft portiert ein Konzept von Gesundheit, das viele Menschen ausschliesst. Wir werden alle von visuellen Inhalten überflutet und wenn wir uns einen gesunden Menschen bildlich vorstellen, taucht in den meisten von uns ein Bild von einer Person auf, die eher jung, sportlich, normalgewichtig und erkrankungsfrei ist, sowie keine sichtbare Behinderung hat.
Dieses gesellschaftliche Konzept von Gesundheit können chronisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderung kaum je erreichen, und es grenzt sie de facto aus.
Wie können wir also − beginnend bei uns selbst − Gesundheit als einen gegenwärtig stattfindenden Prozess und etwas Gefühltes wahrnehmen? Nicht als ein von aussen vorgegebenes Konzept, das es zu erreichen und zu erhalten gilt?
Unsere menschlichen Körper, so wie sie heute sind, entwickelten sich über Millionen von Jahren und sie passen sich weiterhin laufend an die aktuellen Gegebenheiten an. Diese Prozesse sind von so hoher Intelligenz, Komplexität und Feinheit, dass unser Geist höchstens Teile davon erfassen kann und vielleicht am besten einfach einmal zurücklehnt und staunt.
Die gleiche Intelligenz, die Leben über diese unvorstellbar langen Zeiträume erschaffen und weiterentwickelt hat, wirkt auch gerade jetzt in uns. Sie ist am Werk, wenn wir uns geschnitten haben und die Wunde zu heilen beginnt. Wir müssen nicht darüber nachdenken, oder Befehle erteilen, es passiert einfach.
Ist der Körper weniger gesund solange der Schnitt im Finger noch nicht verheilt ist? Nein, das ergibt keinen Sinn. Der Körper ist genau so gesund mit dieser Verletzung. Sie schränkt vielleicht ein und braucht etwas Pflege, muss sauber gehalten werden etc. Aber weniger gesund sind wir deswegen nicht. Wieso sollte es bei grösseren Einschränkungen anders sein, bzw. wo hört Gesundheit auf und wo beginnt Krankheit?
Gemäss der Erfahrung und Aussage von Sophie Strand gibt es diese Grenze nicht. Gesundheit und Krankheit können gleichzeitig stattfinden, das eine schliesst das andere nicht aus.
Denn auch bei anderen Situationen als bei einer Schnittwunde, streben unsere Körper nach Heilung und nach mehr Harmonie. Manchmal unterstützen uns die äusseren Bedingungen dabei und manchmal wirken sie erschwerend. Auch dann sucht der Körper nach Ausgleich. Jeder Körper tut das, auch wenn er von aussen gesehen der gängigen Idee von Gesundheit nicht entspricht. Diese Prozesse finden laufend statt, ohne dass unser Geist sie steuern muss, und im Normalfall kann er auch nicht nachvollziehen, was gerade passiert.
Inwiefern kann diese Idee Menschen erreichen, die schwer erkrankt sind und Schmerzen, Einschränkungen und Hoffnungslosigkeit erfahren?
Es gibt Situationen, in denen sich das Gesunde nur noch verschwindend klein anfühlt. Und doch wirkt − solange wir leben − eine Kraft im Körper, die nach grösstmöglicher Kohärenz strebt. Diese Kraft ist Teil der Intelligenz, durch die Leben überhaupt entstanden ist, und sie kann gar nicht anders als Tag für Tag in uns zu wirken, kleinschrittig, manchmal kaum spürbar und doch immer im Bestreben, Harmonie herzustellen und Leben zu erhalten.
Als Shiatsu-Therapeutin kann ich Menschen dabei unterstützen, die Bereiche im Körper wahrzunehmen, die sich gerade gesund und kraftvoll anfühlen.
Auch können mein*e Klient*in und ich gemeinsam Verbindungen herstellen zwischen Körperbereichen, die Ausgleich suchen. Orte, die sich lebendig und gut anfühlen verbinden mit Orten, die gerade kraftlos sind, schmerzen, oder wo das Bewusstsein selten hingeht. Als Therapeutin benutze ich dazu meine Hände und vielleicht eine innere Technik. Wenn diese Verbindung vom System des*der Klient*in aufgenommen wird, kann etwas Drittes entstehen. Etwas, das neu ist und grösser als einzelne Körperbereiche. Vielleicht ist dieses neue Erleben ein Zunehmen «der Menge an Freude» die Sophie Strand nennt.
Auch zuhause kann das weitergeübt werden.
Oftmals geht unsere Aufmerksamkeit im Alltag zuerst zu Körperstellen, die schmerzen oder sich unangenehm anfühlen. Wir können üben, auch Körperbereiche zu spüren, die sich gut, neutral oder zumindest weniger schmerzhaft anfühlen. Wir können sie mit unserer Aufmerksamkeit berühren und lange genug bei ihnen bleiben, damit sich dieses gute Gefühl ausdehnen kann. Wir ignorieren nichts und unterdrücken nichts, wir spüren einfach hin, wo es gerade angenehm ist und bleiben dann eine Weile dort.
Und wir können diese angenehmen Bereiche mithilfe unseres Geistes verbinden mit Körperbereichen, die sich weniger gut anfühlen. Vielleicht fühlt sich das wie ein Hin- und Herpendeln der Aufmerksamkeit zwischen den beiden Orten an, vielleicht ist es ein gleichzeitiges Wahrnehmen von beidem. So kann über die Zeit hinweg etwas Neues entstehen und zur Erfahrung führen, dass die Kapazität zum Wahrnehmen – und Halten – von Freude und anderen Gefühlen in unserem Körper grösser wird.
Das mag einfach tönen, ist aber natürlich ein nicht-linearer Prozess, der manchmal rasch Veränderung bringt und sich manchmal auch langsam und kleinschrittig anfühlt.
Es lohnt sich zu üben. Auch wenn wir lieber schnell voranschreiten, sind kleine Schritte oft das Einzige, was wir tun können, wenn wir Veränderung anstreben.
Erinnern wir uns daran, dass wir ein Teil der Natur sind. Und dass die Natur kleine Schritte macht. Und was über die Zeit hinweg aus vielen kleinen Schritten entstanden ist und weiterhin entsteht, sehen wir, wenn wir unsere Augen schweifen lassen.
Autorin:
Cornelia Wettstein
Shiatsu-Therapeutin in Neuchâtel
[1] Sophie Strand ist die Autorin des Buches «The Body is a Doorway. A Memoir», erschienen in 2025. Sie lebt mit einer chronischen Erkrankung. Sie ist auf Instagram unter @cosmogyny zu finden.


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