Heilen in der KomplementärTherapie

Interview mit Catherine Ott, Vorstandsmitglied der Shiatsu Gesellschaft Schweiz (SGS)

Zum Heilungsbegriff gibt es ganz allgemein kein einheitliches Verständnis. In gewissen Situationen ist eine rein physiologische Betrachtungsweise nützlich und sinnvoll – wenn wir uns beispielsweise ein Bein gebrochen haben. In manch anderen kann es sinnvoll und zielführender sein, Heilung ganzheitlicher zu betrachten d. h. neben physiologischen auch energetische, psychologische und soziale Aspekte mit einzubeziehen. Diese können im Heilungsprozess eine wichtige Rolle spielen und sind in ihrer Ausprägung sehr individuell. In der KomplementärTherapie ist ein ganzheitliches Verständnis des Begriffs Heilung von zentraler Bedeutung.

Das Wort «heilen» wird in der KomplementärTherapie nicht gerne benutzt, warum ist das so?
Als KomplementärTheapeutInnen heilen wir nicht, wir begleiten Menschen in einer Lebensphase und unterstützen sie ganzheitlich auf ihrem Weg, nach ihrem eigenen Verständnis «heil» zu werden. Wir stellen die Aktivierung der Selbstheilungskräfte und die Selbstverantwortung der KlientInnen in den Fokus unserer Behandlungen und entwickeln zusammen mit den KlientInnen Handlungsstrategien, mit denen diese Veränderungen im Alltag einleiten und einen neuen Umgang mit schwierigen Situationen oder mit Schmerzen finden können.
Zu diesem Zweck kombinieren KomplementärTherapeutInnen Körperarbeit – in unserem Fall Shiatsu – mit dem begleitenden Gespräch. Ein wichtiger Faktor bei unseren Behandlungen ist also die Berührung. Es zeigt sich in der Praxis immer wieder, dass Berührungen Blockaden lösen und Heilungsprozesse in Gang setzen können. Unterstützt wird dies mit einem begleitenden Dialog. Wir sind als TherapeutInnen also nicht «HeilerInnen», sondern erhalten von unseren KlientInnen die Erlaubnis, uns mit unseren Mitteln an ihrem individuellen Heilungsprozess zu beteiligen.

Was ist der Ausgangspunkt für den Prozess des «Heilwerdens» in der KomplementärTherapie?
Grund für den Beginn einer komplementärtherapeutischen Behandlung ist praktisch immer ein Symptom. Die Behandlung ist jedoch nicht symptomorientiert, sondern basiert auf einem ganzheitlichen, salutogenen Ansatz. In der KomplementärTherapie gehen wir davon aus, dass Symptome Ausdruck einer beeinträchtigten Selbstregulation sind. Deshalb geht es im Heilungsprozess primär darum, dass diese gestärkt und in ein Gleichgewicht gebracht wird. Heil zu sein beinhaltet aus unserer Sicht das subjektive Erleben von Ganzheit, Kohärenz und Selbstkompetenz. Die meisten Menschen möchten heil sein, sich gut, vital und gesund fühlen. Was dies genau bedeutet, kann individuell sehr unterschiedlich sein. Heil sein – gesund sein – ist also auch ein subjektives Erleben. Heilung umfasst aus der Sicht der KomplementärTherapie physische, psychische, geistige und auch soziale Aspekte.

Wie sieht das im Shiatsu konkret aus?
Im Shiatsu arbeiten wir mit Berührung am Körper. Die Therapeutin nimmt den energetischen Zustand der Klientin wahr, sie ertastet Blockaden und nutzt verschiedene Techniken wie Fingerdruck, Dehnungen und Rotationen, um – wo es nötig ist – den Energiefluss im Körper der Klientin wieder in Gang zu bringen. Die Klientin nimmt die Berührungen auf verschiedenen Ebenen wahr, sie spürt, wie ihr Körper auf die Behandlung reagiert, wie sie zur Ruhe kommt und welche emotionalen oder mentalen Reaktionen einsetzen. Fragen zum aktuellen Körperempfinden während der Shiatsu-Behandlung unterstützen die KlientInnen, Geschehnisse im Körper und damit Muster, Bedürfnisse und Gefühle zu erspüren und sich selbst (wieder) bewusst wahrzunehmen.
Die Selbstwahrnehmung ist für die Genesung ein wesentlicher Aspekt. Sie erlaubt den KlientInnen in Kontakt zu kommen mit Blockaden in Gefühls-, Denk-, Haltungs- oder Handlungsmustern.

Was ist das Ziel der Shiatsu-Behandlung?
Eines der Behandlungsziele ist es, durch Berührung und Gespräch die Selbstermächtigung der KlientInnen zu stärken. Sie werden von der Therapeutin darin unterstützt, sich in den Heilungsprozess einzubringen und diesen mitzugestalten.
Zentral für die Heilung ist meines Erachtens auch der non-verbale Dialog zwischen Therapeutin und Klientin durch die Berührung. Zusammen mit einem empathischen und gleichberechtigten verbalen Austausch schafft er einen Raum, in dem Vertrauen, Respekt und Achtsamkeit Platz finden. Es ist erwiesen, dass die wertschätzende Atmosphäre und eine gute Beziehungsqualität zwischen Therapeutin und Klientin einen entscheidenden Teil zur Genesung beitragen können.
Wichtig sind also das Verstehen und das Einordnen der Zusammenhänge der Beschwerden mit dem eigenen Leben und damit verbunden eine Auseinandersetzung der Klientin mit sich selbst. Es geht aber auch darum, dass die Klientin erkennt, dass sie selbst zu ihrer Genesung beitragen kann und dass sie die Motivation findet, für sich selbst einzustehen. Es werden auch Ressourcen für den Genesungsprozess erforscht und mobilisiert. Innere und äussere Ressourcen können in vielfältiger Weise die seelische Stabilität und das Wohlbefinden unterstützen. Als innere Ressourcen verstehen wir z.B. besondere Fähigkeiten, zu den äusseren zählen wir beispielsweise soziale Kontakte, Familie oder auch kraftspendende Freizeitaktivitäten.

Ist es somit nicht auch sehr unterschiedlich, was die KlientInnen zur Genesung beitragen können?
Natürlich ist es unterschiedlich, was KlientInnen einbringen und wie sie mitgestalten können und wollen, denn wir haben es mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lebensumständen zu tun. KlientInnen, die dazu neigen, sich als Opfer der Umstände zu sehen, haben oft grössere Schwierigkeiten mit der Selbstreflexion als KlientInnen, die sich als MitgestalterInnen ihrer Beziehungen betrachten.
Wer an einer unheilbaren oder gar tödlichen Krankheit leidet, kann es als schwierig empfinden, überhaupt Ressourcen zu erkennen. Er kann aber zum Beispiel die Motivation finden, ein wichtiges persönliches Gespräch zu führen oder Massnahmen zu treffen, um Symptome zu lindern, wie beispielsweise bei einer Chemotherapie die Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Müdigkeit mittels Atemübungen oder Veränderungen im Tagesablauf zu reduzieren.
Bei nahezu allen Beschwerden ist es von grosser Bedeutung, Ressourcen zu mobilisieren, welche die Lebensfreude positiv beeinflussen. Ich habe schon öfter miterlebt, wie KlientInnen in schwierigen Lebensphasen Neues für sich entdeckt haben, das sie stärkt und das ihnen Freude bereitet. Damit wurde ihr Genesungsprozess – oder unter Umständen auch das Abschiednehmen – entscheidend unterstützt.

Kannst du an einem Praxisbeispiel darstellen, welche Rolle Handlungskompetenz spielt?
Ich denke hier an eine Klientin, welche an dauernden und starken Kopfschmerzen litt. Medizinisch konnten dafür keine Ursachen gefunden werden. Sie lebte in einer Beziehung, in der sie sich kontrolliert und als Mensch übergangen fühlte, sah aber keine Möglichkeit, dies zu ändern. Beruflich hatte sie das Gefühl, am falschen Platz zu sein; sie fühlte sich am Arbeitsplatz ständig übersehen und erlebte kaum Wertschätzung.
Während der ersten beiden Behandlungen konnte sie sich nur schlecht entspannen und dachte ständig an unerfreuliche Erlebnisse in ihrem Alltag. Als Therapeutin lenkte ich ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf ihren Körper und fragte nach ihren Wahrnehmungen durch die Berührung.
Während der dritten Behandlung konnte sie erstmals frei atmen und begann kurz darauf zu weinen. Sie erzählte, dass sie dauernd angespannt sei und äusserte die Vermutung, dass die Kopfschmerzen ein Ausdruck dieser Anspannung sein könnten.
Während der folgenden Behandlungen konnte sie die Berührung immer besser und vertrauensvoller annehmen. Der Energiefluss in ihrem Körper verbesserte sich durch die Anwendung verschiedener Shiatsu-Techniken und – ganz wichtig – durch das tägliche Ausführen von gezielten Meridiandehnungsübungen durch die Klientin.
Die Klientin nahm sich Zeit, ihre Übungen zu machen, sie wandte eine beruhigende Atemtechnik an, und sie nutzte die Shiatsu-Behandlungen, um sich intensiv mit sich und ihrem Körper zu beschäftigen. Ihre Kopfschmerzen begleiteten sie zwar immer noch, sie waren aber deutlich weniger stark.
Im begleitenden Gespräch machten wir verschiedene bestehende und mögliche Ressourcen aus. Sie erinnerte sich beispielsweise daran, dass sie früher so gerne gesungen hätte und suchte sich bald darauf einen Platz in einem Chor. Sie nahm zudem den Kontakt zu einer guten Freundin wieder auf, der wegen ihrer Beziehung abgebrochen war.
Sie nahm ihr Leben zunehmend in die eigenen Hände und erkannte, dass sie selbst in der Lage war, Veränderungen herbeizuführen. Die Shiatsu-Behandlungen unterstützten sie dabei, ihre Körperwahrnehmung zu stärken und ermöglichten ihr, Zusammenhänge zwischen ihrem Symptom und ihrer Lebensweise zu erkennen.
Sie suchte sich eine neue Arbeit, die sie sehr erfüllte. Zu ihrer eigenen Überraschung verbesserte sich ihre Beziehung. Sie suchte in der Folge mit ihrem Partner eine Paartherapeutin auf, welche die beiden auf ihrem Weg als Paar unterstützte.
Die Klientin wurde zunehmend zufriedener mit sich selbst und konnte sich immer besser entspannen und im Alltag gelassener bleiben. Die Kopfschmerzen traten nur noch sporadisch auf und die Klientin nutzte diese wann immer möglich als Signal, in sich hineinzuhören, nachzuspüren, was sie brauchte und dem auch nachzugeben. Als sie selbst die Situation als stabil und positiv empfand, schlossen wir die Behandlung ab.

Biografisches
Catherine Ott ist seit 24 Jahren Shiatsu-Therapeutin mit eigener Praxis in Bern. Sie ist ausserdem Craniosacral-Therapeutin und bietet verschiedene Methoden der Mentaltherapie an. Ihr breites Wissen bringt sie als Vorstandsmitglied der SGS im Bereich der Externen Beziehungen ein.