Berührung, die Halt gibt: Shiatsu-Therapie bei Trauma
Wenn traumatische Erfahrungen den Körper und das Nervensystem dauerhaft in Alarmbereitschaft halten, kann Shiatsu dabei helfen, wieder mehr Sicherheit und Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. Pascale Jacot-Descombes zeigt, wie Komplementärtherapie und Somatic Experiencing Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung auf diesem Weg unterstützen.

Interview mit Pascale Jacot-Descombes, Komplementärtherapeutin mit eidgenössischem Diplom Methode Shiatsu
Was versteht man unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, PTBS?
Eine PTBS ist eine psychische Erkrankung, die als Folge eines extrem belastenden oder traumatischen Erlebnisses auftritt. Das Nervensystem der Betroffenen kann das Erlebte nicht ausreichend verarbeiten und sendet immerzu Signale, dass die Gefahr noch nicht vorüber ist. Typische Symptome einer PTBS sind das Wiedererleben des Traumas, etwa durch Flashbacks oder Albträume. Die Betroffenen sind häufig schreckhaft und reizbar, haben eine erhöhte Wachsamkeit und oft auch Schlafstörungen. Sie versuchen, Situationen, Gedanken oder Gefühle zu vermeiden, die sie an das Erlebte erinnern. Von einer posttraumatischen Belastungsstörung spricht man, wenn diese Symptome über längere Zeit bestehen und den Alltag stark beeinträchtigen.
Mit welchen Beschwerden und Anliegen kommen PTBS-Betroffene in deine Praxis?
Die Beschwerden sind sehr unterschiedlich. Manche wissen zunächst gar nicht, dass sie eine PTBS haben. Sie kommen beispielsweise wegen Schlafproblemen, innerer Unruhe, Konzentrationsproblemen, Erschöpfung, Ängsten oder Panikattacken. Häufig fühlen sie sich ständig angespannt und können nicht richtig zur Ruhe kommen. Das kann mit der Zeit auch zu Erschöpfung führen. Die meisten Betroffenen wünschen sich dann, wieder mehr Ruhe und Sicherheit im eigenen Körper zu finden.
Es gibt verschiedene Formen von Traumatisierungen, etwa Schock-, Unfall- und Beziehungstraumata. Können sie alle zu einer PTBS führen?
Ja, absolut. Immer dann, wenn das Nervensystem nicht mehr in der Lage ist, das Trauma zu verarbeiten. Peter Levine, der Begründer der Traumatherapie Somatic Experiencing (SE), sagt, ein Trauma steckt nicht im Ereignis, sondern im Nervensystem. Auch wenn wir uns an das Erlebnis gar nicht mehr erinnern, weil wir oft dissoziieren in solchen Momenten. Aber das Nervensystem vergisst nicht.
Nicht jedes Nervensystem reagiert gleich: Welche Rolle spielt die Resilienz?
Resilienz spielt eine grosse Rolle dabei, wie ein Mensch ein traumatisches Ereignis verarbeitet. Dasselbe Ereignis kann Menschen unterschiedlich stark belasten, je nach Zustand des Nervensystems, persönlichen Ressourcen und unterstützendem sozialen Umfeld. Wer über mehr Resilienz verfügt, kann Belastendes besser verarbeiten und integrieren.
Hat die Zahl der Betroffenen in deiner Praxis zugenommen? Und falls ja, woran könnte das liegen?
Das Thema Trauma ist in meiner Praxis in den letzten Jahren deutlich präsenter geworden. Das Bewusstsein für die Auswirkungen von Trauma auf Körper, Psyche und Nervensystem ist gewachsen. Gleichzeitig ist Trauma weniger ein Tabuthema: Menschen sprechen heute offener über ihre Ängste, über Gewalterfahrungen und auch über Missbrauch und suchen eher Unterstützung. Heute wissen wir auch, dass frühkindliche Erfahrungen wie zum Beispiel Schläge und drastische Strafen – Dinge, die früher als normal galten – Traumata auslösen können. Ob aber PTBS tatsächlich zahlenmässig zugenommen haben, kann ich nicht beurteilen. Es ist natürlich naheliegend, dass durch meine therapeutische Ausrichtung gerade Menschen mit solchen Erfahrungen den Weg in meine Praxis finden.
Du hast dich auf Trauma-Therapie spezialisiert und hast neben deiner Ausbildung als Komplementärtherapeutin der Methode Shiatsu auch eine Ausbildung in Somatic Experiencing, SE. Wie ergänzen sich diese beiden Methoden in deiner Arbeit?
Die beiden Methoden ergänzen sich wunderbar, indem sie den Körper als wichtigen Zugang zur Veränderung nutzen, aber auf unterschiedliche Weise. Im Shiatsu arbeiten wir vor allem mit Berührung, Energie und der Selbstwahrnehmung. Die Berührung hilft, den Körper und was mit ihm geschieht, besser wahrzunehmen und so wieder mehr Sicherheit und Vertrauen zu gewinnen. Das ist oft eine wichtige Grundlage oder Ressource, um überhaupt mit den traumatischen Erlebnissen arbeiten zu können.
Somatic Experiencing richtet den Fokus stärker auf die körperlichen Reaktionen und Empfindungen, die mit den traumatischen Erfahrungen auftauchen. Es fordert die Klient*innen mehr und kann müde machen, wenn trauma-gebundene Energie sich löst. Beide Ansätze – Shiatsu und SE – fördern die Selbstregulation, die Resilienz und die Verbindung zum eigenen Körper.
Wie arbeitet Somatic Experiencing mit dem Nervensystem? Welche Rolle spielen Körperwahrnehmung und Selbstregulation?
Bei Somatic Experiencing erfolgt der Zugang zum Nervensystem über die Körper- und Sinneswahrnehmungen: das Spüren, Sehen, Hören, Riechen und Schmecken, aber auch über innere Bilder. Die Betroffenen werden also angeleitet, nicht nur über das Erlebte zu erzählen, sondern sich gleichzeitig im gegenwärtigen Moment zu spüren: Was nehme ich jetzt gerade in meinem Körper wahr? Aus einer zunächst rein gedanklichen Beschreibung kann so eine konkrete Körper- oder Sinnesempfindung werden. Diese braucht es, um Zugang zum limbischen System zu erhalten. Denn unsere Traumata sind im Nervensystem gespeichert, wie Peter Levine sagt.
Wenn die Betroffenen im Kontakt mit solchen Körperempfindungen, Bildern und Gefühlen sind, kann ich als Therapeutin ein Pendeln zwischen angenehmen und unangenehmen Empfindungen anleiten. Ziel ist es, dass es zu einer Entladung kommt, die ihren Ausdruck in Zittern, Gähnen, Seufzen, Weinen, Zucken oder anderen unkoordinierten Bewegungen findet. So kann sich die hohe Spannung, die im Nervensystem gehalten war, schrittweise entladen, ohne die Person zu überfordern. Das ist ein Prozess der Co- und Selbstregulation.
Wo siehst du die Stärken der Komplementärtherapie in der Begleitung von PTBS?
Eine grosse Stärke der Komplementärtherapie ist es, über die Berührung ein Gefühl von Ganzheit, Sicherheit und Verbundenheit zu fördern. So können tiefgreifende Erfahrungen und Veränderungen über den Körper möglich werden. Zuerst ist es aber wichtig, einen sicheren Raum zu schaffen: Erst wenn genügend Sicherheit und Stabilität vorhanden sind, können sich Betroffene mit belastenden Erfahrungen auseinandersetzen.
Weitere zentrale Aspekte sind die Schulung der Körperwahrnehmung und die Selbstregulation: Die Betroffenen lernen, Körpersignale frühzeitig wahrzunehmen – etwa Anspannung, Unruhe oder veränderte Atmung – und darauf zu reagieren. Einfache Übungen wie bewusstes Spüren des Bodens, der Atmung oder des eigenen Körpers können dabei helfen, wieder im Hier und Jetzt anzukommen und das Nervensystem zu regulieren.
In meiner Shiatsu-Praxis mache ich die Erfahrung, dass der Körper für manche PTBS-Betroffene kein sicherer Ort ist, weil er manchmal Signale sendet, die verunsichern, beispielsweise starkes Herzklopfen. Wie gehst du damit um?
Das ist bei PTBS häufig der Fall. Wenn Körperempfindungen wie Herzklopfen oder Schwitzen zu stark werden, bleibe ich nicht beim unangenehmen Gefühl, sondern wechsle den Sinneskanal und suche eine Ressource. Das kann ein angenehmer Ort im Raum, eine vertraute Person oder eine Erinnerung sein, die Sicherheit vermittelt.
Bei einer Klientin mit Fluchterfahrung beispielsweise war der eigene Körper zunächst kein sicherer Ort. Körperarbeit war deshalb am Anfang nicht möglich. Ihre Ressourcen waren ihr Glaube, und die Menschen, die sie hier aufgenommen hatten und ihr eine Arbeit in einem Café ermöglichten. Wir haben uns deshalb auf diesen Ort konzentriert, wo sie sich wohlfühlt. Ich fragte sie: Wie sieht es dort aus? Wie fühlst du dich, wenn du in diesem Café bist? Von dort aus konnte sie Sicherheit erleben und sich allmählich wieder regulieren. Das Pendeln zwischen Belastendem und einer Ressource hilft die Selbstregulation zu stärken. Die Betroffenen lernen: Ich kann Angst oder starke Körperempfindungen wahrnehmen – und gleichzeitig bin ich sicher. So kann der Körper Schritt für Schritt wieder zu einem vertrauteren und sichereren Ort werden.
Wie wichtig ist es, dass Klient*innen lernen, sich auch im Alltag selbst zu regulieren?
Das ist für mich zentral. Die Betroffenen sollen nicht von der Therapie abhängig werden, sondern lernen, das Erarbeitete im Alltag selbst anzuwenden. Deshalb zeige ich ihnen konkrete Möglichkeiten, wie sie sich selbst regulieren können. Sie lernen, wie ihr Nervensystem funktioniert und welche Signale ihr Körper sendet. Gemeinsam finden wir heraus, was ihnen hilft – etwa Körperübungen, Bewegung, Spaziergänge, Malen oder andere Ressourcen. Der Klientin mit Fluchterfahrung, die anfangs häufig dissoziierte, erklärte ich, dass wir zuerst die Hoffnung, das «Helle» stärken müssen, bevor wir uns dem «Dunklen», dem Belastenden widmen können. Für sie erwies sich das Malen als wertvolle Ressource. Monate später zeigte sie mir ein Bild, das ihren Weg vom Dunkel ins Helle darstellte. Das war für mich ein schönes Beispiel dafür, wie Selbstwirksamkeit und Hoffnung wachsen können.
Wo liegen die Grenzen von Komplementärtherapie und Somatic Experiencing bei der Begleitung von Menschen mit PTBS?
Wenn Klient*innen stark destabilisiert sind, häufig intensive Flashbacks erleben, stark dissoziieren oder ihren Alltag kaum noch bewältigen können, sollte man weitere Fachpersonen wie Psychotherapeut*innen oder Psychiater*innen beiziehen. Ebenso bei schweren Depressionen oder Angstzuständen, Suizidgedanken, Selbstverletzung oder einer akuten Suchtproblematik.
Für das professionelle Handeln ist es wichtig, die eigenen fachlichen Grenzen zu kennen, sich mit Hilfe von Supervision kritisch zu reflektieren und bei Bedarf die Zusammenarbeit mit externen Fachpersonen zu suchen.
Pascale Jacot-Descombes ist Komplementärtherapeutin mit eidgenössischem Diplom der Methode Shiatsu sowie Trauma-Therapeutin SE und SOMA. Sie begleitet seit 32 Jahren Kinder und Erwachsene in eigener Praxis, seit 19 Jahren auch mit Trauma-Therapie.
Interview: Janine Messerli, Komplementärtherapeutin mit eidg. Diplom der Methode Shiatsu und Journalistin/Kommunikationsspezialistin MAZ/Lic.Phil I
weiterführende Links:
_ Fallbeispiel Shiatsu bei Traumafolgen: https://shiatsuverband.ch/wp-content/uploads/2024/09/12-5.21-Thementext_Trauma_DE_240909.pdf
_ Shiatsu bei Traumata: Zusammenstellung von Beiträgen aus der Fachpulikation Shiatsu: https://shiatsuverband.ch/wp-content/uploads/2025/11/Shiatsu_Trauma_DE_2024.pdf
_ Multimodales Therapiemodell für die komplexe posttraumatische Belastungsstörung: https://link.springer.com/article/10.1007/s00729-025-00273-7


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