Shiatsu für Frauen mit ADHS – ein Zusammenspiel von Nervensystem, Hormonen und Meridianen

Es gibt einen Satz, den viele Frauen mit ADHS mindestens einmal gehört haben: „Aber du bist doch so kompetent. Wie kannst du nur so unorganisiert sein?“

Und wahrscheinlich haben viele vor allem den zweiten Teil gehört.

Die ehrliche Antwort lautet: Weil es durchaus möglich ist, unter extrem hohem Energieaufwand sehr gut zu funktionieren. Und weil ADHS bei Frauen eine der am systematischsten falsch interpretierten Beeinträchtigung in der modernen Medizin ist. Frauen erhalten oft erst spät eine Diagnose, nachdem sich bereits jahrelange Belastungen angesammelt haben. Dies ist sowohl ein individuelles Problem als auch das Ergebnis von Diagnosekriterien, die lange Zeit auf eher typisch männlichen Symptomausprägungen basierten, sowie einer biomedizinischen Forschung, welche den Einbezug von Frauen in klinische Studien erst 1993 und in präklinische Forschung sogar erst 2016 verbindlich vorschrieb. Dies erklärt, warum viele frauenspezifische Aspekte von ADHS erst seit relativ kurzer Zeit ernsthaft untersucht werden.

Dieser Artikel ist eine Einladung, besser zu verstehen, was im Nervensystem von Frauen mit ADHS vor sich geht und warum Körperarbeit wie Shiatsu als Unterstützung im Bereich der Regulation, der inneren Wahrnehmung, der chronischen Anspannung, des Schlafs und der körperlichen Belastung sinnvoll sein kann.

Weibliche Ausprägungen von ADHS und Maskierung

Aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen und pädagogischer Prägung äussert sich ADHS bei Frauen häufiger in Form von innerem Druck, Ablenkbarkeit, rasenden Gedanken, Tagträumen und Schwierigkeiten bei der Organisation des Alltags. Man stelle sich eine nach innen gerichtete Hyperaktivität vor. Auch aufgrund einer mangelnden Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse fällt es Betroffenen sehr schwer innezuhalten. Zudem verfügen sie über eine bemerkenswerte Fähigkeit, all dies zu maskieren. Mit „Maskierung“ ist diese erlernte Anstrengung gemeint, Schwierigkeiten zu verbergen, um in der Aussenwelt funktionsfähig zu erscheinen. Aber Maskierung kommt bei Überforderung oder über Zeit an ihre Grenzen. Wenn sie zusammenbricht, wird der Zustand aufgrund einer unzureichenden Diagnose oft fälschlicherweise als Angst, Depression, Burnout oder emotionale Instabilität gedeutet oder einfach als persönliche Schwäche abgetan.

Auch emotionale Dysregulation ist bei vielen Frauen mit ADHS zentral: Reizbarkeit, starke Reaktivität und die Schwierigkeit, sich wieder zu beruhigen, können Teil der ADHS-Erfahrung sein und ohne gute Anamnese zu irreführenden Diagnosen führen.

Selbststeuerung und unsichtbare Belastung

ADHS ist eine Störung der Selbststeuerungs-Funktion und nicht nur eine offensichtliche Ablenkbarkeit, die mit ein paar Post-it behebt werden kann.

Das alltägliche Problem Betroffener ist viel subtiler und brutaler: Zeitblindheit, Schwierigkeiten beim Anpacken von Aufgaben, ein beeinträchtigtes Arbeitsgedächtnis, Probleme bei der Prioritätensetzung unter Stress, Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen Aufgaben bis zum Zusammenbruch, wenn der Kontext zu fragmentiert wird. Gerade weil viele Betroffene intelligent, kompetent und verantwortungsbewusst wirken, bleiben diese Schwierigkeiten oft unsichtbar. Der Preis dafür kann jedoch sehr hoch sein.

Die Versuchung, zu denken, wir hätten alle ein bisschen ADHS, weil wir manchmal vergesslich sind oder Mühe mit unseren Emotionen haben, ist gross. Bei neurodivergenten Menschen sind diese Merkmale jedoch seit Kindheit dauerhaft vorhanden und deutlich stärker ausgeprägt als in der Durchschnittsbevölkerung.

Hormonelle Einflüsse

Die aktuelle Fachliteratur bestätigt zunehmend, was viele Patientinnen seit Jahren beschreiben: Pubertät, Menstruationszyklus, Schwangerschaft, Wochenbett und Perimenopause können ADHS-Symptome verstärken oder Kompensationsmechanismen destabilisieren, die lange funktioniert haben. Dies ist noch nicht für alle Lebensphasen gleichermassen belegt, aber deutlich genug, dass es in der Behandlungspraxis berücksichtigt werden sollte. Bei Frauen mit ADHS wurden eine grössere Anfälligkeit für schwere prämenstruelle Symptome und PMDS sowie ein erhöhtes Risiko für Stimmungsstörungen rund um die Geburt beschrieben. Die Perimenopause kann zudem zu einem späten Diagnosefenster werden: Nicht, weil ADHS dort beginnt, sondern weil hormonelle Schwankungen, sinkende Östrogenspiegel, schlechterer Schlaf und angesammelte Lebensbelastung sichtbar machen können, was zuvor jahrelang kompensiert wurde. Dieses „Ich schaffe das nicht mehr“ sollte deshalb nicht vorschnell als Schwäche, normale Menopause oder Depression abgetan werden.

Schlaf und chronische Schmerzen als zentrale Verstärker

Fragmentierter Schlaf senkt die Belastbarkeit des gesamten Systems und erschwert die kognitive und emotionale Regulation deutlich. In hormonell sensiblen Phasen tritt dies besonders leicht auf. Was Schmerzen betrifft, so zeigen Studien, dass ADHS insgesamt häufiger zusammen mit chronischen Schmerzzuständen auftritt. Das bedeutet nicht, dass ADHS Schmerzen verursacht, sondern dass diese beiden Faktoren in der Praxis oft genug zusammen vorkommen, um nicht als getrennte Welten betrachtet zu werden.

Ähnliche Hinweise gibt es, mit grösserer Vorsicht, auch für einzelne körperliche Begleiterkrankungen wie Magen-Darm-Beschwerden und Fibromyalgie.

Interozeption und Selbstwahrnehmung

Es gibt ein sehr nützliches Konzept, das erst kürzlich in die ADHS-Forschung Einzug gehalten hat, aber schon immer Teil von körperorientierten Praktiken war: die Interozeption. Die Fähigkeit, innere Signale des Körpers wie Hunger, Müdigkeit, Anspannung, Herzschlag, Sättigung und das Bedürfnis innezuhalten, wahrzunehmen.

Eine aktuelle systematische Übersichtsstudie zeigt auf, dass bei Menschen mit ADHS die Verlässlichkeit dieses „Sich-von-innen-her-Spürens“ im Vergleich zur Kontrollgruppe tendenziell geringer ist, insbesondere bei Personen mit Unaufmerksamkeits-Symptomen.

Warum ist es wichtig, auf sich selbst hören zu können? Weil man sich schlecht reguliert, wenn man seine inneren Signale falsch deutet. Man merkt zu spät, dass man überlastet ist. Man isst zu spät. Man bleibt in Situationen, die einen zermürben, weil der Körper nicht frühzeitig ein deutliches „Genug“ sendet. Wenn man sich selbst nicht klar genug spürt, fällt es auch schwer, Entscheidungen zu treffen. Und wenn die Aufmerksamkeit von Schmerzen oder unangenehmen Gefühlen überwältigt wird, bleibt davon nicht genug für den Rest.

Shiatsu als Hilfe zur Selbstregulation

Und hier kommt Shiatsu ins Spiel, sanft und auf sehr einfühlsame Weise. Denn es wirkt auf etwas ein, das bei weiblichem ADHS oft fehlt: eine körperliche, nonverbale Regulierung. Bei ADHS begegnen wir oft Systemen, die Mühe haben, einen Rhythmus zwischen Aktivierung und Erholung, Antrieb und Zurückhaltung, Bewegung und Erdung zu finden. Im Shiatsu spricht man von viel aufsteigendem Yang und wenig Unterstützung durch Yin, Ruhe und Zentrierung.

Viele Frauen mit ADHS verlieren die Regulierung in Bezug auf Schlaf, Atem, Anspannung, Appetit, Erdung und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren oder innezuhalten. Sie leben mit einem System, das ständig zwischen Hyperaktivierung und Zusammenbruch, Überstimulation und Abschaltung, scheinbar unendlicher Kraft und völliger Erschöpfung schwankt. Eine gut durchgeführte Shiatsu-Behandlung „heilt“ ADHS nicht, aber sie kann dem Nervensystem helfen, vorübergehend den Alarmmodus zu verlassen. Oft lernt es im Shiatsu, seine Schwankungen zu erkennen, zu regulieren und kreativ funktionaler zu nutzen. Die tiefen, gleichmässigen und vorhersehbaren Berührungen unterstützen dabei, wieder bei sich selbst anzukommen.

Was im Körper geschieht

Für manche Frauen mit ADHS besteht die Schwierigkeit nicht nur darin „zu viel zu denken“. Sie sind im eigenen Körper schlecht verankert und nehmen eine Überlastung mitunter erst dann wahr, wenn sie bereits zur Krise geworden ist. Shiatsu wirkt genau in diesem Bereich: anhaltender Kontakt, Entschleunigung, klarere Gefühle und Grenzen, besserer Zugang zu inneren Signalen. Wenn sich der Schlaf auch nur ein wenig verbessert oder chronische Verspannungen nachlassen, ist der nächste Tag tatsächlich anders. Und wenn der Körper zu einem lebenswerteren Ort wird, fällt auch die Selbstregulation leichter.

ADHS bei Frauen ist ein weites Feld, das noch am Anfang seiner Erforschung steht. Dieses ist auch zutiefst gesellschaftlich geprägt, denn ein Teil der Betroffenen bleibt nicht zufällig unsichtbar, sondern weil diese jahrelang die Rollen der Anpassung, Fürsorge, Organisation und Aufrechterhaltung des Alltags erfüllen. Viele Frauen bleiben gerade deshalb unsichtbar, weil sie extrem gut darin sind, alles zu schultern, bis zu dem Punkt, an dem gar nichts mehr geht. Dieser Moment kommt allzu oft erst dann, wenn die gesundheitlichen Auswirkungen bereits gravierend sind. Inmitten dieses Sturms bietet Shiatsu etwas sehr Praktisches und Nützliches: eine wiederholte körperliche Erfahrung von Regulation, verkörperter Präsenz und Entlastung.

Autorin: Alice Ginger Zagato


weiterführende Links:

_ Praxisbeispiel ADHS: https://shiatsuverband.ch/praxisbeispiel-adhs/
_ Schweiz. Fachgesellschaft ADHS: https://www.sfg-adhs.ch/
_ Schweiz. Info- und Beratungsstelle für Erwachsene mit ADHS: https://adhs20plus.ch/