Ein Raum zum Sein: Shiatsu und LGBTQIA+-Pluralität

Shiatsu richtet den Blick auf den Menschen – nicht auf Zuschreibungen.

Gedanken zu Identität, Berührung, Grenzen und der Frage, wie ein Raum entstehen kann, in dem Menschen einfach sein dürfen.

Am 20. August 2026 wurde auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich das erste Queer Memorial der Schweiz eingeweiht. Es handelt sich um eine 1.80 Meter hohe Säule aus fünf drehbaren Würfeln, die unter Beteiligung von rund zwanzig Menschen aus unterschiedlichen queeren Communities entstanden ist.

Es verbindet Erinnerung, Zusammenhalt und Individualität. Es steht in unmittelbarer Nähe zum Regenbogen-Grabfeld, dem 2023 eröffneten Grabfeld, das unter anderem geschaffen wurde, damit queere Lebensgeschichten nach dem Tod nicht ausgelöscht, korrigiert oder neu geschrieben werden.

Erinnerung bedeutet jedoch nicht nur, wie ein Leben erzählt wird, wenn es zu Ende ist. Sie hat auch mit der Frage zu tun, wie wir einen Menschen schon zu Lebzeiten sehen und ihm begenen. Das wird besonders wichtig, wenn wir uns Therapeut*innen anvertrauen – Personen also, die innerhalb der therapeutischen Beziehung, welche der Unterstützung der Klient*innen dient, definitionsgemäss einen gewissen Einfluss ausüben.

Identität ist nicht die ganze Geschichte
Queer ist ein Begriff, den viele betroffene Personen für sich zurückerobert haben, jedoch nicht alle. Historisch wurde er als Schimpfwort verwendet, und für manche Menschen trägt er diese Konnotation noch immer; für andere ist er eine Identität oder eine Möglichkeit, sich von engeren Definitionen zu distanzieren. LGBTQIA+ (1) ist ein Sammelakronym und keine gemeinsame Identität. Daher ist es wichtig, queer und LGBTQIA+ nicht als Synonyme zu verwenden.

Romantische und sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und körperliche Geschlechtsmerkmale sind unterschiedliche Felder und müssen nicht übereinstimmen. Keines davon beschreibt für sich allein die Geschlechtlichkeit eines Menschen, seinen Körper, seine Erfahrungen, seine Biografie oder sein Verhältnis zu Berührung, Gesundheit oder Fürsorge.

Zu gewissen Zeiten kann der Körper für manche Personen ein Ort von positivem Erleben, Freiheit, Lust, Gesundheit und Zugehörigkeit sein. Es können aber auch schmerzhafte Erfahrungen gemacht werden in Zeiten von akuter Dysphorie, Transition, Schmerzen, unerwünschter Aufmerksamkeit und schwierigen medizinischen Erfahrungen. Die Konstellationen können sich selbstverständlich überschneiden oder sich im Laufe der Zeit verändern.

Manche Personen mögen eine Shiatsu-Praxis aufsuchen, weil Diskriminierung erlebt wurde und der Wunsch nach einem Ort besteht, an dem der eigene Körper sicher bewohnt werden kann. Andere haben möglicherweise ein komplexes Verhältnis zu Berührung oder befinden sich im Prozess einer Transition. Für wieder andere kann – zumindest an diesem einen Tag – die eigene Identität das Uninteressanteste auf der Welt sein, und sie kommen einfach, weil beispielsweise die Schulter schmerzt.

Ein wesentlicher Punkt in allen Situationen ist: Die Identität oder Orientierung eines Menschen anzuerkennen bedeutet nicht, diese zur Erklärung für jeden Aspekt seiner Erfahrung zu machen.

Die erste schweizweite Studie zur Gesundheit von LGBT-Personen, die repräsentative Daten mit einer nicht repräsentativen Online-Befragung kombinierte, stellte Ungleichheiten hinsichtlich der Gesundheit, der Belastung durch Diskriminierung und Gewalt sowie des Zugangs zur Gesundheitsversorgung fest. Lesbische, schwule und bisexuelle Menschen verzichteten z.B. häufiger aufgrund mangelnden Vertrauens auf medizinische Versorgung als heterosexuelle Menschen: 16,2 % gegenüber 6,9 %. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit ordnet diese Unterschiede in den Kontext von Diskriminierung und Stigmatisierung ein.
Keine statistische Feststellung kann uns jedoch sagen, was die Person, die heute eine Praxis betritt, tatsächlich braucht.

Shiatsu nimmt die sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität oder die körperlichen Geschlechtsmerkmale eines Menschen nicht in seinen Fokus. Es betrachtet den Menschen in seiner Gesamtheit, körperlich, emotional, psychisch und sozial. In dieses Gesamtbild fliessen die Anliegen der betroffenen Personen ein, seien es Anspannung, Schmerzen, Müdigkeit, emotionale Belastungen, Diskriminierung, soziale Konflikte, Transition und anderes mehr. Es ermöglicht eine individuelle, wertfreie Begegnung, welche auf ein ganzheitliches Gesundwerden ausgerichtet ist, nimmt auf, was gerade wichtig ist und lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was gerade spürbar ist: Atmung, Ruhe, Veränderung.

Shiatsu bietet einen Raum, in dem nichts bewiesen, dargestellt oder gerechtfertigt werden muss.

Berührung braucht Vertrauen und Grenzen
Therapeut*innen, die Mitglied der Shiatsu Gesellschaft Schweiz (SGS) sind, verpflichten sich gemäss ihrem beruflichen Ethik-Codex, die Einzigartigkeit des Individuums ins Zentrum der therapeutischen Praxis zu stellen. Der Codex legt u.a. fest, dass diese die Persönlichkeit und Werte von Klient*innen respektieren, das besondere Abhängigkeitsverhältnis, welches innerhalb einer therapeutischen Beziehung entstehen kann, beachten und Bedürfnisse und Grenzen respektieren – einschliesslich die Bereitschaft einer Person, zu sprechen, berührt zu werden oder Anleitungen anzunehmen. Zu den Grundsätzen gehören auch die Förderung der Autonomie sowie das Verbot von missbräuchlichen Beziehungen oder Verhaltensweisen, die persönliche Grenzen überschreiten. (2)

Berührung ist natürlich nie neutral, auch nicht in einem therapeutischen Rahmen. Sie kann beruhigend, angenehm, gleichgültig, schwierig oder wechselhaft sein. Einverständnis bedeutet deshalb nicht einfach ein Ja, das zu Beginn einer Sitzung gegeben wird. Es beinhaltet die Möglichkeit, Vorlieben und Grenzen auszudrücken, Fragen zu stellen, seine Meinung zu ändern oder um eine Pause zu bitten, dies auch während der Behandlung. In einem gut gehaltenen therapeutischen Rahmen kann die behandelte Person benennen, was relevant ist, ohne Aspekte ihrer Identität erklären zu müssen, die mit dem Grund ihres Besuchs nichts zu tun haben.

Auch Worte wie „sicher“ oder „willkommen“ verdienen Vorsicht. Es sind keine Bezeichnungen, die eine Fachperson ein für alle mal für sich in Anspruch nehmen kann. Dies wird innerhalb der therapeutischen Beziehung auf die Probe gestellt und gegebenenfalls konsolidiert: durch das Ausbleiben von Annahmen, durch die Art und Weise, wie ein Name und ein Pronomen aufgenommen werden, durch die Bereitschaft, eine Korrektur entgegenzunehmen, ohne dass daraus ein Problem für die Person entsteht, die sie ausgesprochen hat. Fachkompetenz ist wichtig – ebenso das Bewusstsein, etwas nicht zu wissen und respektvoll nachzufragen.
Über Shiatsu und LGBTQIA+-Menschen zu sprechen bedeutet deshalb, zwei entgegengesetzte Voreingenommenheiten zu vermeiden: Die erste besteht darin anzunehmen, dass Unterschiede überhaupt keine Rolle spielen und es genügt, „alle gleich zu behandeln“. Die zweite unterstellt, dass jede LGBTQIA+-Person mit Orientierungs- oder Identitäts-spezifischen Problemen in die Praxis kommt, die es zu behandeln gilt.

Respekt verlangt nicht, Unterschiede zu ignorieren, und ihre Anerkennung bedeutet umgekehrt nicht, sie automatisch mit einer Pathologie zu verbinden.

Ein Raum, in dem nichts bewiesen werden muss
Das Queer Memorial in Zürich schafft einen öffentlichen Ort, damit unterschiedliche Lebensgeschichten nicht in einer bequemeren Erzählung verschwinden.

Eine gute therapeutische Begleitung vollzieht eine viel kleinere, aber damit verbundene Geste: Sie überschreibt die anwesende Person nicht. Sie schenkt ihr stattdessen genügend Aufmerksamkeit und Freiheit, einfach da zu sein – mit ihrer Geschichte, wenn diese gerade wichtig ist, und mit ihrer schmerzenden Schulter, wenn genau das der Grund für ihren Besuch ist.

Text: Alice Ginger Zagato

(1) LGBTQIA+: Das Akronym steht für lesbian (lesbisch), gay (schwul), transgender, queer, intersex und asexuel. Das Plus am Ende schafft Raum für alle sexuellen Orientierungen und Identitäten, die in der Abkürzung nicht explizit genannt werden.

(2) Die SGS verfügt über eine unabhängige Ethikkommission, an die sich Klient*innen und Therapeut*innen bei Fragen zur Qualität der therapeutischen Begleitung und zur Wahrung persönlicher Grenzen wenden können.



weiterführende Links:

_ Psychische Gesundheit und Resilienz in der queeren Community stärken. Ein Projekt von LOS (Lesbenorganisation Schweiz) und Pink Cross (Dachverband schwuler und bisexueller Männer Schweiz)

_ Diskriminierung beeinflusst Gesundheit

_ Haltungen beeinflussen die Therapie grundlegend