Praxisbeispiel: Shiatsu bei Migräne

Menschen, die von wiederkehrenden Migräneanfällen betroffen sind, haben oft einen langen Leidensweg hinter sich. Allein in der Schweiz leidet rund eine Million Menschen mehr oder weniger häufig an den pulsierenden Kopfschmerzen und an weiteren Symptomen. Ein Allheilmittel gegen Migräne gibt es bisher nicht. Der ganzheitliche Genesungsansatz von Shiatsu kann Migräne-Betroffenen helfen, zu mehr Entspannung zu finden, belastende Gewohnheiten loszulassen und so die Beschwerden zu lindern. Ein Beispiel aus der Praxis.

Eine 55-jährige Klientin leidet seit ihrer Pubertät unter chronischer Migräne. Die Attacken treten etwa zwei bis drei Mal wöchentlich auf. Ihr Immunsystem ist geschwächt, sodass sie häufig erkältet ist. Auch Magenprobleme machen ihr regelmässig zu schaffen. Bisher wurde kein Rezept gefunden, um ihre Beschwerden nachhaltig zu lindern. Die behandelnde Neurologin kann keine medizinische Ursache für die Beschwerden feststellen und überweist sie an eine ihr bekannte Shiatsu-Therapeutin.

Im einleitenden Gespräch klärt die Shiatsu-Therapeutin zuerst die genauen Symptome ab. Vor den Migräneattacken kann die Klientin sich nur schwer konzentrieren und leidet oft unter Augenflimmern. Am Tag nach der Migräne fällt sie meistens in eine depressive Verstimmung und spürt eine grosse Traurigkeit. Während der Migräne ist ihr häufig übel, manchmal muss sie sich übergeben. Zudem klagt sie über Magenbeschwerden, Verspannungen im Nacken und häufige Erkältungen. Die Klientin macht sich ausserdem viele Sorgen.

Räume öffnen
Bei der ersten Behandlung ist die Klientin stark erkältet. Die Shiatsu-Therapeutin klärt mit der Klientin das Behandlungsziel und legt den Fokus bei dieser Behandlung auf die Stärkung der Selbstregulation. Durch den charakteristischen sanften Druck darf sich der Raum im Brustkorb und in der Lunge der Klientin öffnen. Zudem kann die Klientin während der Behandlung entspannen, Gedanken loslassen und im Moment ankommen, sodass sich die Spannungen im Nacken lösen. Die Klientin bemerkt, wie gut es ihr tut, sich diese Zeit nur für sich zu nehmen und dass ihr Wohlbefinden allein schon durch das bewusste Sich-Hinlegen steigt. Im Verlauf der Behandlungsserie stellt sich im begleitenden Gespräch heraus, dass sie das Gefühl hat, viel zu wenig Raum in ihrer Familie einzunehmen und ihre Bedürfnisse zu selten zu formulieren. Der Klientin wird bewusst, dass sie schon lange gerne ein eigenes Zimmer für sich hätte, in dem sie malen oder sich nach anstrengenden Momenten zurückziehen kann.

Gewohnheiten behutsam ändern
Sie sucht das Gespräch mit ihrem Mann, um die Idee des eigenen Rückzugsortes zu realisieren. Begleitet durch die Shiatsu-Therapeutin lernt sie, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören und diese gegenüber ihrer Familie zu formulieren. Ihr emotionaler Zustand verbessert sich deutlich, eine leichte Linderung der Magendarmbeschwerden wird spürbar.

Während in der Folge der Behandlungen die Häufigkeit der Migräneanfälle abnimmt, bleibt die Intensität unverändert.

Bei einer der darauffolgenden Sitzungen klagt die Klientin erneut über Magenbrennen. Gemeinsam mit der Shiatsu-Therapeutin spürt die Klientin während der Shiatsu-Behandlung nach, welche Lebenssituation oder welche Nahrungsmittel ihr auf den Magen schlagen. Die Klientin erwähnt im Anschluss ihren überdurchschnittlich hohen Kaffeekonsum von vier bis sechs Tassen pro Tag. Die Shiatsu-Therapeutin regt sie an, einige Tage auf Kaffee zu verzichten, um herauszufinden, ob ein geringerer Kaffeekonsum sich positiv auf die Magen- und Migränebeschwerden auswirken würde. Nachdem sie vier Tage auf Kaffee verzichtet hat, ist sie eine ganze Woche frei von Migräneattacken. Die Klientin probiert während den folgenden Wochen verschiedene Getränke aus und findet einen Getreidekaffee, welcher ihr schmeckt. Zudem hat sie sich in der Zwischenzeit ein Malzimmer eingerichtet, in dem sie Zeit nur für sich hat und nimmt weiterhin wöchentlich die Shiatsu-Therapie in Anspruch. Durch bewusstes Wahrnehmen der eigenen Mitte und einem damit verbundenen intensiveren Zugang zu ihrem Körperempfinden und durch die begleitenden therapeutischen Gespräche hat die Klientin erfahren, was es heisst, loszulassen, zu entspannen und ihre Lebensumstände zu reflektieren und, wo möglich, anzupassen. Ihre Migräneanfälle sind inzwischen um die Hälfte zurückgegangen.

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