Interview mit Pascale Jacot-Descombes Teil 1

Blog-Interview Teil 1:

Pascale Jacot-Descombes ist KomplementärTherapeutin mit eidgenössischem Diplom Methode Shiatsu und Dozentin in der Shiatsu-Ausbildung. Sie hat sich unter anderem auf die Themen Stress und beginnendes Burn-out spezialisiert. In der Begleitung von Betroffenen sind für sie das Gespräch und die Schulung der Körperwahrnehmung sehr wichtig. Für sie ist aber auch klar: Ohne dass die Klienten etwas im Alltag ändern, geht es nicht.

Was ist dein persönlicher Bezug zum Thema Stress?
Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn alles zu viel wird. Es sind klassische Zeichen, die man bei Stress kennt: Ich spüre dann, dass ich zu wenig Raum für mich habe. Es fehlen mir Momente der Ruhe und ich bräuchte Zeit, um einfach zu sein, nichts zu tun. In solchen Situationen achte ich auf regelmässige Spaziergänge in der Natur und nehme meine Agenda unter die Lupe. Ich reserviere die nächste Möglichkeit für einen freien Tag oder Momente für mich, damit ich in meinem Rhythmus tun und lassen kann, was ich gerade möchte. Eine meiner Shiatsu-Kolleginnen schreibt sich so genannte «ICH-Tage» fix in die Agenda – eine vorbildliche Selbstfürsorge.

Wie erkennst du bei deinen Klienten belastenden Stress oder sogar ein beginnendes Burn-out?
Da gibt es verschiedene Anzeichen. Vieles zeigt sich bereits im Gespräch: Die Klienten reden von viel Arbeit und zu wenig Zeit für sich, für ihre Hobbys und ihre Familie. Bei den Symptomen sind Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit, innere Unruhe und Gedankenkreisen sehr typisch. Oft ist auch eine Freudlosigkeit oder Erschöpfung erkennbar. Solche Menschen können sich nicht mehr freuen – weder über grosse noch über kleine Dinge  – und es macht sich eine gewisse Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit breit.

Gibt es typische Stressoren, die bei den meisten Klientinnen vorhanden sind?
Die Stressoren sind individuell unterschiedlich. Eigentlich kann alles, was als Überforderung erlebt wird, zu Stress und auf Dauer zu einem Burn-out führen: eine überfordernde Arbeit, Streit mit den Nachbarn, Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder mit den Kindern, damit verbunden schlaflose Nächte etc. Deshalb ist es so wichtig, die Widerstandskraft, also die Resilienz, und die Ressourcen zu stärken.

«Eigentlich kann alles, was als Überforderung erlebt wird, zu Stress und auf Dauer zu einem Burn-out führen.»

Wie begleitest du Menschen mit Stress- und Burn-out in der KomplementärTherapie?

Es ist wichtig, mit den Ressourcen zu arbeiten und diese zu stärken. Oft ist den Menschen mit Burn-out verloren gegangen, was sie im Leben gerne tun. Es ist einfacher, an alte Ressourcen anzuknüpfen als neue zu suchen. Ich frage meine Klienten: Was haben Sie früher gerne gemacht? Wenn es zum Beispiel um eine belastende Arbeitssituation und einen möglichen Job-Wechsel geht, kann es hilfreich sein, mit dem Betroffenen zu erforschen, wovon er als Kind geträumt hat, was er für Visionen hatte, welchen Beruf er lernen wollte. Als Kind ist man ja meist noch ganz verbunden mit sich und seiner Lebensbestimmung. Wenn es um Verhaltensänderungen im Alltag geht, ist es wichtig, möglichst konkret zu sein: Wenn ein Klient sagt, dass er vor einem Jahr zum letzten Mal in den Ferien war, hake ich nach: Wann ist die nächste Gelegenheit, bei der Sie Ferien nehmen könnten? Was würde Ihnen Freude machen? Mit wem? Ich versuche so verbindlich wie möglich zu sein. Es darf kein Gedankenkonstrukt bleiben. Ich unterstütze die Betroffenen darin, die nächsten Schritte zu planen und Entscheidungen zu fällen: nach Hause gehen, die Idee mit der Partnerin besprechen, sich für ein Reiseziel entscheiden, ins Reisebüro gehen. Ich versuche die Klientinnen im Gespräch so zu begleiten, dass sie ihre Bedürfnisse und ihre eigene Kraft wieder wahrnehmen können. Dann setzen sie das Besprochene auch um.

Manchmal gehe ich auch mit den Klienten ihren Alltag durch. Es geht dann um Fragen wie: Welche (vermeintlichen) Verpflichtungen kann ich abgeben? Welche Prioritäten setze ich? Wo kann ich Zeit für mich, für Sport oder mein Hobby einplanen? Wenn sie aus meiner Praxis gehen ohne konkrete Anleitungen und Einsichten, wie sie in ihrem Leben ein paar Inseln einbauen und ihren Alltag weniger stressig gestalten können, fallen sie vielleicht allzu schnell in die alten Muster zurück.

Das heisst also, Klientinnen mit einer Stress- und Burn-out-Thematik müssen auch etwas an ihrer Lebensführung ändern. Das ist oft nicht so einfach. Sind sie im Allgemeinen dazu bereit?
Nicht alle. Manchmal muss ich die Leute konfrontieren mit der Aussage: Wenn Sie so weitermachen, landen Sie im Burn-out! Ich sage das ungern und als KomplementärTherapeutin stelle ich auch keine Diagnosen. Doch mit meiner langjährigen Erfahrung habe ich inzwischen ein gutes Gespür entwickelt. Bei manchen Menschen braucht es einen «Schuss vor den Bug», damit sie aufwachen und der Realität ins Auge schauen.

Wenn die Einsicht nicht da ist, kann ich auf der Gesprächsebene nicht viel für diese Menschen tun. Ich kann sie mit Shiatsu unterstützen, sodass sie wieder mehr Energie haben für die nächste Zeit.

Wenn jemand aber lange Zeit über seine Verhältnisse gelebt hat und dann in der Shiatsubehandlung richtig loslassen kann, merkt er oft, wie müde und erschöpft er eigentlich ist. Shiatsu ist dann ein Tor zu einer klareren Wahrnehmung. Was der Körper zeigt, spreche ich an.

«Manchmal muss ich die Leute konfrontieren mit der Aussage: Wenn Sie so weitermachen, landen Sie im Burn-out!»

Wie kannst du erreichen, dass diese Klientinnen sich selbst besser wahrnehmen?
Es wichtig, dass sie möglichst frühzeitig die Warnsignale ihres Körpers erkennen. Oft haben diese Menschen aber gar keinen Zugang zu ihrem Körper. Dieser muss zuerst erarbeitet werden. Hier gibt es ein paar Übungen und Tricks, die darauf abzielen, die Selbstwahrnehmung zu schärfen. Eine für viele hilfreiche Übung ist zum Beispiel, einen kleinen Hartgummiball unter den einen Fuss zu legen und damit die Fusssohle zu massieren. Danach kann die Klientin den Unterschied zum unbehandelten Fuss erspüren. Auch sind der Bodenkontakt und die Erdung viel besser und konkret wahrnehmbar. Ich gebe den Klienten einen solchen Ball oft mit nach Hause – manche können im Büro die Schuhe ausziehen und diese Übung am Schreibtisch machen. Solche Übungen sollten mit möglichst geringem Aufwand in den Alltag integrierbar sein. Es hat keinen Sinn, wenn wir den belasteten Klientinnen noch weitere Aufgaben aufbürden. Im Gespräch klären wir, wo es Möglichkeiten gibt, im Alltag Pausen einzubauen und in sich hinein zu spüren. Das kann die Dusche nach einem anstrengenden Arbeitstag sein. Dabei kann man seine Aufmerksamkeit auf die richtige Wassertemperatur richten und dann bewusst die ganze Anstrengung des Arbeitstages abwaschen und mit dem Wasser abfliessen lassen. Auch eine Tasse Kaffee zu trinken, kann zu einer Achtsamkeitsübung werden: Die warme Tasse in der Hand spüren, den Geschmack und den Duft des Kaffees geniessen… So steigt man automatisch aus dem Hamsterrad aus und kommt zu sich selbst. Die Kunst ist, herauszufinden, was für welchen Menschen passt. Es gibt keine allgemeingültigen Rezepte.

Meist geht es darum, das Augenmerk auf Momente der Freude zu richten. Das können kleine Dinge sein: Ein lachendes Kind, eine Blume, ein Schmetterling. Der zweite Schritt ist, nachzuspüren, welches Gefühl damit verbunden ist. Ich gebe meinen Klienten die Aufgabe mit, nachzuspüren, wie sich dieses Gefühl im Körper anfühlt. Also nicht nur in Gedanken den schönen Moment registrieren, sondern ihn mit allen Sinnen wahrnehmen. Oft kommt in solchen Momenten der Freude oder der Entspannung ein tiefer Atemzug.

Interview: Janine Messerli
 
Biografische Angaben:
Pascale Jacot-Descombes (55) ist KomplementärTherapeutin mit eidgenössischem Diplom in der Methode Shiatsu, Gründerin einer Schweizer Shiatsu-Schule und Dozentin für Shiatsu.

Ende des ersten Interview-Teils
Im zweiten Teil des Interviews mit Pascale Jacot-Descombes wird es darum gehen, wie die Shiatsu-Behandlung bei Stress- und Burn-out konkret aussieht und welche Herausforderungen sich für die Therapeutin stellen.

Weiterführende Links:

Zum zweiten Teil des Interviews
Shiatsu hilft bei Stress
Wie wirkt Shiatsu bei Stress?
Praxisbeispiel: Shiatsu bei Stress
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